Zimmermann ermittelt (10) – Hitzetod

Hitzetod

»Ist es nicht immer wieder komisch, wie das Leben so spielt?« fragte Kommissar Zimmermann.
»Was meinen sie?«, wollte sein Assistent Inspektor Schmidt wissen.
»Da stehen wir schon vor einem Eiswagen und er hat nicht mal einen Eiskaffee oder Cappuccino-Eis. Es ist einfach zum Heulen. Ob sie es glauben oder nicht, aber für einen richtigen Kaffee ist es selbst mir heute zu heiß. Aber ein Eiskaffee, so schwarz wie eine Bremsspur auf heißem Asphalt, das wäre jetzt wirklich was Feines.«
Die beiden Kriminalbeamten waren sich eh nicht sicher, ob sie hier richtig waren. Im Inneren des Eiswagens lag ein Leiche. So weit stimmte schon einmal alles. Aber wie bereits der Pathologe festgestellt hatte, war er an einem Hitzschlag gestorben.
»Es müssen locker siebzig bis achtzig Grad da drin gewesen sein. Warum hat er auch nicht die Fenster geöffnet. Einfach unverständlich.«
»Deswegen sind wir hier, Schmidt. Ich meine, schauen sie sich um. Es sind keine Kunden hier. Warum auch? Wir stehen hier vor der alten Panzerwaschanlage der Bundeswehr. Hier kommen nicht so viele Passanten vorbei. Der ein oder andere Jogger und sonst eher Hundebesitzer, die mit ihren Kläffern jede Menge Tretminen hinterlassen. Wer hier einen Eiswagen sieht, vermutet wohl eher, dass der Fahrer gerade Pause macht und seine Ruhe haben will. Wer etwas verkaufen will, stellt sich an den Eingang des Sauerlandparks.«
Das leuchtete ein. Wahrscheinlich hatte es deswegen so lange gedauert, bis der Tote gefunden wurde.
»Hier ist was faul.«, vermutete der Kommissar. »Niemand setzt sich in seinen Wagen und wartet darauf, dass der Tod eintritt. Es sei denn, er will Selbstmord begehen. Wir sollten uns den Wagen genauer ansehen.«
»Aber Chef. Der Leichenbeschauer hat doch bereits bestätigt, dass ein Fremdverschulden ausgeschlossen werden kann. Es war ein Hitzetod.«
Zimmermann schüttelte verzweifelnd den Kopf. »Schmidt, wie wollen sie eigentlich jemals Kommissar werden, wenn sie sich so schnell mit allem abfinden? Sie dürfen sich nicht vom Offensichtlichen blenden lassen. Suchen sie die Kleinigkeiten. Davon hat der Pathologe nämlich keine Ahnung, sonst wäre er bei der Kripo und nicht im Leichenschauhaus gelandet.«
Der Kommissar zog sich Gummihandschuhe über und öffnete vorsichtig die Fahrertür.
»Wir sollten uns beeilen, bevor er zu stinken beginnt.«
Dann nahm er alles genau unter die Lupe. Es sollte auch nicht lange dauern, bis ihm etwas auffiel.
»Er wollte raus. Unter seinen Fingernägeln sind Spuren der Türinnenverkleidung. Auf der Tür finden sich Kratzspuren. Die sind nicht gerade groß. Bei einem Suizid hätte er sich nicht krampfhaft befreien wollen. Und dass der Pathologe die Reste unter den Fingernägeln übersehen hat, wundert mich nicht. Der braucht schon seit Jahren eine Brille, ignoriert das aber.«
Nun machte sich auch Schmidt auf die Suche. Er ging zur Beifahrerseite.
»Vielleicht kam er nicht raus. Die Türgriffe sind locker. Auf ihrer Seite ist er sogar abgefallen.«
Zimmermann seufzte. »Es wird immer seltsamer. Ich denke, wir überlassen die restliche Arbeit der Spurensicherung. Holen wir uns im Sauerlandpark ein Eis. Ich brauche eine Abkühlung, sonst kann ich nicht richtig denken.«
Sie betraten den Park und suchten sich eine Verkaufsbude. Aus dem Eis wurde zunächst aber nichts, denn vor dem Ausgabefenster hatte sich eine Menschentraube gebildet.
»Och nee. Muss ich jetzt auch noch warten?«, wurde der Kommissar sauer.
Er griff in seine Hosentasche und holte seinen Dienstausweis hervor. »Wird Zeit, mein Ass auszuspielen. Ich stell mich doch nicht hinten an.«
Die Menschen warteten allerdings nicht auf Eis, sondern begafften einen lauten Streit zwischen einem Kunden und dem Verkäufer.
»Was soll das heißen, sie haben kein Eis mehr?«, beschwerte sich der Mann. »Es ist Sommer. Es ist heiß. Ich will endlich eine Erfrischung. Warum will mir hier niemand Eis verkaufen? Muss ich nochmal ausrasten und jemandem weh tun?«
Er hob die Fäuste und war bereit, in den Ring zu steigen.
Zimmermann stutzte. In seinem Kopf ratterte es. »Lassen sie mich bitte durch.«, schob er die Gaffer auseinander und baute sich dem wütenden Mann auf, der fast zwei Köpfe größer war als er.
»Was soll das heißen, sie bekommen hier von niemandem Eis? Irgendwo gibt es doch bestimmt Eis. Auch an einem Tag wie heute wird es nicht ausverkauft sein.«
»Für wen hältst du dich, du Zwerg?«, Er war kurz davor, Schaum vor dem Mund zu bekommen.
»Die einen haben nichts in der Kühltruhe, die anderen müssen unbedingt Mittagspause machen. Und wenn ich jetzt nicht endlich was kriege, dann raste ich aus.«
Mehr wollte Zimmermann gar nicht hören. »Sie waren das. Sie haben den Eisverkäufer umgebracht, richtig? Er hat seinen Wagen abseits geparkt und machte Mittag. Sie bekamen kein Eis und haben ihn dafür in der Hitze sterben lassen.«
»Der Mistkerl hat es doch nicht besser verdient.«, schrie der Mann mittlerweile völlig hysterisch.
Der Kommissar blieb weiter ruhig. »Sie haben die Innengriffe und Fensterkurbeln abgerissen, die Türen verschlossen und zugesehen, wie er langsam starb. Dann haben sie die Griffe notdürftig wieder aufgesteckt.«
Er holte Handschellen aus der Tasche. »Sie sind festgenommen. Schmidt. Erledigen sie das für mich.«
Schmidt nahm die Handschellen und wollte sie dem Täter anlegen. Dieser schlug sie weg und packte den kleineren Inspektor am Kragen, hatte dabei aber nicht nachgedacht. Schmidt, wendete ein paar Griffe einer Kampfsportart an und warf sein Gegenüber nur wenige Augenblicke auf den harten Boden.
Zimmermann trat an den kleinen Verkaufsladen, während der Inspektor dem Mörder die Hände auf den Rücken legte und fesselte.
»Wenn sie schon kein Eis mehr haben, gibt es dann wenigstens einen Kaffee?«, fragte der Kommissar
»Geht aufs Haus.«
Zimmermann seufzte zufrieden. »Es gibt doch noch Gerechtigkeit in diesem Universum. »Aber schön kräftig und schwarz. Am Besten so schwarz wie ein Panther, der in tiefer Nacht auf der Lauer liegt und auf seine Beute wartet.«

(c) 2014, Marco Wittler

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