Zimmermann ermittelt (22) – Herbstlaub

Herbstlaub

Samstag, 31. Oktober 2015, 14:33 Uhr
Sonja hatte ihre neuen, rosa Joggingschuhe angezogen. Endlich sollte es so weit sein. Der Kampf gegen den inneren Schweinehund musste endlich begonnen werden. Die einfachste Taktik lag im Laufen. Dafür musste sie nicht extra in ein Fitnessstudio fahren, es kostete nicht ständig Geld und sie musste sich nicht an Trainingszeiten halten. Einfach ab nach draußen und die Waldwege entlang. Immer an der frischen Luft.
Von ihrer Wohnung aus waren es nur wenige Minuten bis zum Waldrand. Diese ging sie in normalem Tempo, um sich an die neuen Schuhe zu gewöhnen. Doch sobald sie den Schotter des Waldwegs unter ihren Sohlen spürte, legte sie einen Zahn zu. Einmal nach Brockhausen und zurück.
Endlich. Die letzte Laufrunde war schon wieder viel zu viele Monate her.
Sonja bog um eine Kurve. Die Bäume wurden dichter und der Schotterweg sah nun aus wie ein endlos langer Komposthaufen. Er war vollständig mit buntem Herbstlaub bedeckt.
»Ist das schön hier.«, schwärmte sie. »Jetzt weiß ich wieder, warum ich den Herbst so liebe. Er ist so farbig wie ein Tuschkasten. Damit kann keine andere Jahreszeit mithalten.«
Plötzlich verlor sie den Halt unter ihren Füßen. Sonja rutschten aus und stürzte mit dem Gesicht voran zu Boden. Dann wurde es für immer dunkel.

17:13 Uhr
Am späten Nachmittag, die Sonne ging gerade unter, standen mehrere Streifenwagen am Ende des deilinghofer Heuwegs. Unzählige Beamte durchsuchten die nähere Umgebung nach Spuren. Etwas später fuhr ein Zivilfahrzeug mit zwei Männern der örtlichen Kripo vor.
Inspektor Schmidt saß am Steuer und Kommissar Zimmermann nahm die ersten Schlucke heißen Kaffee zu sich. Aus diesem Grund waren sie auch spät dran. Sie hatten einen Zwischenstopp im nahen Café an der Hönnetalstraße gemacht, um ein frisches Gebräu zu holen.
»Wenn Schmidt den richtigen Kaffee bestellt hätte, wären wir schon längst hier gewesen. Aber dann hat er mir tatsächlich einen Milchkaffee in die Hand gedrückt.«
Schmidt seufzte.
»Es war nicht meine Schuld. Die Frau hinter der Theke hat zwei Becher verwechselt. Ich habe extra einen großen, schwarzen Kaffee bestellt, so schwarz wie die die Sandstrände der Vulkaninsel Lanzarote.«
»Ist ja egal. Hauptsache, ich habe jetzt Koffein, um meine Maschine zu ölen. Und nun zum Fall.«
Er wandte sich an die umstehenden Beamten.
»Ich habe noch keine Informationen bekommen.«, unterbrach der Kommissar die Arbeiten. »Wer gibt mir die ersten Infos?«
Ein Polizist kam auf ihn zu und geleitete ihn ein paar Dutzend Meter weiter in den Wald hinein.
»Die Leiche ist ziemlich grausam zugerichtet worden. Nicht gut, wenn man gerade gegessen hat.«
Mitten im Laub lag die Leiche einer Frau. Joggerin, wie die Kleidung vermuten ließ. Über das Alter konnte man noch nichts sagen, da sie mit dem Gesicht nach unten lag.
»Wir werden wahrscheinlich länger brauchen, bis sie identifiziert ist.«, sinnierte Zimmermann und seufzte laut. »Wie ist diese Sauerei passiert?«
»Den Hergang können wir relativ leicht rekonstruieren. Die Beweise liegen praktisch direkt vor unserer Nase. Das Herbstlaub liegt in großer Menge auf dem Boden und verdeckt so ziemlich alles. Ein unbekannter Täter hat darunter eine große spiegelglatte Metallplatte versteckt. Die Feuchtigkeit und das Herbstlaub taten ihr Übriges, dass die Joggerin ausrutschte und genau mit dem Gesicht in dieser Bärenfalle landete. Das Ding schnappte zu und zertrümmerte den kompletten Schädel. Wirklich keine schöne Art zu sterben.«
»Immerhin war sie an der frischen Luft.«, brummte der Kommissar. »In einer stickigen Kneipe erdolcht zu werden, stelle ich mir auch nicht angenehmer vor.«
Er musste sich ein Grinsen verkneifen. Der schlechte war Witz war schon unangebracht genug.
»Haben die Jungs von der Spurensicherung schon genug Bilder gemacht?«
Der Beamte nickte. Zimmermann zog sich ein paar Gummihandschuhe über und machte sich daran, die Leiche umzudrehen.
»Alle mit einem empfindlichen Magen sollten jetzt wegschauen.«
Er drehte sie um. Beinahe wäre ihm von dem grausamen Anblick selbst schlecht geworden. Ein Horrorfilm war nichts dagegen.
Plötzlich kam Bewegung in die Sache. Die Tote öffnete die Augen, röchelte und spuckte eine Menge Blut. Dann griff sie nach dem Hals des Kommissars und begann dämonisch zu grinsen.
»Zum Teufel! Was geht hier vor?«, Zimmermann sprang auf und stolperte ein paar Schritte zurück.
»Was geht hier vor?«, Er suchte Schutz und nestelte nervös an seinem Holster. Mit zittrigen Händen richtete er seinen Revolver auf diese Ausgeburt der Hölle.
»Lass mich in Ruhe oder ich schieße.«
Doch der Zombie ließ sich davon nicht einschüchtern.
Der Kommissar drückte ab. Er schoss das ganze Magazin leer, was die Untote aber nicht aufhielt. Sie kam ihm immer näher, bis ihr schreckliches Gesicht von seinem nur wenige Zentimeter entfernt war.
Sie atmete schwer. Ein Gestank wie Tod und Fäulnis stieg Zimmermann in die Nase und ließ ihn würgen.
»Süßes oder Saures!«, bettelte die Tote mit lachendem Ton und legte ein breites Grinsen auf.
In das Lachen fielen nun auch alle anderen Personen im Wald ein.
»Happy Halloween, Chef«, sagte nun Inspektor Schmidt und klopfte seinem Vorgesetzten auf die Schulter.
»War doch ein toller Scherz vom Revier, oder? Wir haben sogar an die Platzpatronen gedacht, damit sie Kollegin Sonja aus der Asservatenkammer nicht erschießen.«
Zimmermann verdrehte die Augen. »Den bekommt ihr zurück. Darauf könnt ihr Gift nehmen.«
Er begann zu lächeln. »Ihr kennt meine Scherze noch nicht. Die sind legendär. Also macht euch auf etwas gefasst. Im nächsten Jahr seid ihr fällig.«
Er sah an sich herunter.
»Außerdem dürft ihr meinen Mantel waschen und mir einen neuen Kaffee besorgen. Der sollte so schwarz sein, wie die Wände in des Teufels Wohnung. Aber Pronto!«

(c) 2015, Marco Wittler

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