Fünf Zutaten – Kapitel 1 – Die Neue

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Es war früh am Morgen. Schon seit ein paar Stunden schickte die Junisonne ihr wärmendes Licht durch das Küchenfenster und ließ die laufende Kaffeemaschine in einem ganz besonderen Glanz erstrahlen. Der blaue Himmel, die wenigen Schäfchenwolken und die mehr als angenehmen Temperaturen versprachen bereits jetzt schon einen wirklich schönen Tag.
Das krasse Gegenteil dazu saß am Küchentisch. Er war ein älterer Mann, seit Tagen unrasiert und in einem ungewaschenen, schmuddeligen Bademantel gekleidet. Die Glut seiner Kippe hatte bereits den Filter erreicht. Hin und wieder knurrte er unzufrieden vor sich hin.
Irgendwann war der Moment gekommen, in dem die Kaffeemaschine fertig war. Der Mann stand stöhnend auf, schnappte sich einen Kaffeebecher, auf dessen Boden sich bereits mehrere der heißen Getränke verewigt und festgefressen hatten und füllte sich die erste Koffeindosis des Tages ein. Dann schlurfte er zum Küchentisch zurück, ließ sich auf einen alten Stuhl fallen, der unter der Belastung gefährlich ächzte und nahm endlich den ersten Schluck, der heiß die Kehle herunter rann.
»Ah. Das tut gut. Nichts geht über einen guten Kaffee als Start in den Tag – einen richtig guten Kaffee, tiefschwarz, so schwarz wie Peter Pans Schatten, wenn er denn mal da ist.«
Er nahm einen zweiten Schluck und gab ein wohliges Seufzen von sich.
»So kann der Tag ruhig weiter gehen. Dann geht es mir gut.«
Doch dann war ein aufdringliches Geräusch von der Wohnungstür zu hören. Die Türklingel störte die Ruhe des noch frühen Tages.
»Ach, verdammt. Und schon ist die Stimmung im Eimer. Ab jetzt kann es nur noch bergab gehen.«
Er stand wieder auf, schlurfte den Flur entlang und betätigte den Türknopf. Dann drehte er seinen Schlüssel zweimal im Schloss herum und öffnete die Tür. Es dauerte nicht lange, bis ein Mann in Uniform die Treppe herauf kam.
»Na wunderbar. Die Polizei. Womit habe ich das jetzt noch verdient?«
Der noch junge Beamte wurde sofort rot im Gesicht und fühlte sich gleich zur falschen Zeit am falschen Ort. Doch dann wurde er sich seiner Stellung bewusst, straffte seine Haltung, räusperte sich und trat einen weiteren Schritt auf die Wohnungstür zu.
»Na gut. Kommen sie rein.«
Der Mann gab seinem Gegenüber zu verstehen, dass er ihm folgen sollte. Dann schlurfte er zurück in die Küche und ließ sich wieder auf seinen altersschwachen Stuhl sinken.
»Setzen sie sich.«
Der Polizist nahm auf dem zweiten Stuhl Platz, legte seine Mütze auf den Tisch, atmete tief durch, bekam aber kein Wort heraus.
»Sie sind neu hier in der Stadt, hm?«
Der Beamte nickte.
»Und die Kollegen haben ihnen bestimmt vorher gesagt, wie schwierig und grantig ich wäre, richtig?«
Ein erneutes Nicken folgte.
»Ach je. Was soll ich dazu sagen? Jedes Mal das Gleiche. Irgendwie hat es sich schon eine ganze Weile eingebürgert, dass man mir die Frischlinge schickt, um ihnen einen ersten Schrecken einzujagen. Warum auch immer. Was soll ich dazu sagen? Mein Junge, sie haben dich verarscht. Komm, wir trinken erstmal einen ordentlichen Kaffee.«
»Vielen Dank, Herr Kommissar.«, kamen nun die die ersten Worte über die Lippen des Polizisten. »Jetzt geht es mir schon sehr viel besser.«
Kommissar Zimmermann hatte mittlerweile einen zweiten Kaffeebecher gefüllt, der von innen und außen mindestens die gleichen Erfahrungen und Ablagerungen vorzuweisen hatte, wie sein in Benutzung befindlicher Artgenosse. Er kam zurück zum Tisch, setzte sich und reichte den Kaffee seinem Gegenüber.
»Glaub mir, dass hier ist ein richtig guter Kaffee. Einen besseren wirst du in der ganzen Stadt nicht finden, egal was man dir auch erzählen mag. Meine Maschine ist dreißig Jahre alt und befindet sich auf dem Höhepunkt ihres Geschmacksleistung. Nur bei mir wirst du einen Kaffee bekommen, der so schwarz ist, wie der Gotthard-Tunnel, wenn der Strom ausfällt und niemand hindurch fährt.«
Der Polizist nahm einen vorsichtigen Schluck und begann sofort zu husten. Das Gebräu war ihm eindeutig zu stark. So etwas hatte er in seinem Leben noch nie zu sich genommen.
»Siehst du, das meine ich. So muss ein Kaffee sein. Versteht nur leider niemand bei uns in der Wache. Aber irgendwann bringe ich das den anderen auch noch bei.«
Zimmermann nahm nun selbst einen tiefen Schluck, seufzte leise und lehnte sich gemütlich zurück. Dies quittierte sein Stuhl mit einem gefährlichen Knacken. Aber er hielt tapfer durch.
»Dann verrat mir doch mal deinen Namen und mit welcher Begründung man dich an meinem freien Tag zu mir geschickt hat.«
»Mein Name ist Lars Fiedler. Ich bin erst seit zwei Tagen hier im Dienst.«
Möglichst unauffällig schob er den Kaffee ein ganzes Stück von sich weg.
»Ich sollte ihnen nur eine kurze Nachricht überbringen. Man erwartet sie im Kommissariat. Dort gibt es Neuigkeiten. Welche weiß ich nicht, das hat man mir nicht mitgeteilt.«
»Und warum muss man dann extra einen Frischling von der Innenstadt nach Deilinghofen schicken? Ist doch reine Zeit- und Spritverschwendung.«
»Die Kollegen konnten sie leider nicht erreichen.«
Zimmermann grinste, holte sein Handy aus der Bademanteltasche und legte es auf den Tisch.
»Liegt wohl daran, dass ich das nervige Teil an meinen freien Tagen immer abschalte.«
Er nahm seinen Kaffeebecher an sich, leerte ihn in einem Zug und stand auf.
»Dann ziehe ich mich wohl mal um und mache mich fertig. Bis dahin kannst du ja deinen Kaffee austrinken.«
Der Kommissar verschwand für ein paar Minuten in seinem Schlafzimmer. Fiedler ergriff die Chance sofort und leerte seinen Becher im Topf einer ziemlich vertrocknet wirkenden Pflanze, die auf der Fensterbank vor sich hin starb. Kurz darauf kam Zimmermann zurück.
An seinem Äußeren hatte sich nicht viel verändert. Er war noch immer unrasiert, die Haare hingen fettig und verstrubbelt auf seinem Kopf. Der schmuddelige Bademantel war einem alten, abgetragenen Mantel gewichen, der ein wenig an den unvergessenen Inspektor Columbo erinnerte.
»Na dann los. Lassen wir die Kollegen nicht warten. Es muss ja wahnsinnig wichtig zu sein, was man mir mitteilen möchte. Sie fahren.«
Zehn Minuten später hatten sie die Wache erreicht. Während Fiedler einen Zentner schweren Stein von seinem Herzen auf den Parkplatz hatte fallen lassen, war Zimmermann direkt in sein Büro marschiert, wo ihn bereits sein Kollege und Assistent Inspektor Schmidt erwartete.
»Haben sie schon frischen Kaffee gekocht?«, sagte der Kommissar statt einer Begrüßung.
Schmidt grinste und drückte seinem Chef eine heiße Tasse in die Hand. »So, wie sie ihn am liebsten trinken. Er ist so schwarz wie …«
Zimmermann winkte ab. »Lassen sie die unnötigen Kaffeevergleiche. Darin waren sie noch nie wirklich gut.«
Er nahm einen tiefen Schluck und setzte sich an seinen Schreibtisch.
»In Ordnung. Raus mit der Sprache. Was ist hier los? Was war so wichtig, dass es nicht bis Morgen warten konnte, wenn ich wieder im Dienst bin? Ist ein Mord geschehen? Wird jemand erpresst? Gibt es wieder Briefe, die mit unbekannten Pulvern befüllt sind? Mumien? Gespenster? Irgendwas?«
Egal, wonach er fragte, Schmidt schüttelte jedes Mal den Kopf.
»Ausnahmsweise liegt ihre scharfsinnige Nase dieses Mal ganz weit daneben. Wir haben aktuell keinen neuen Fall zu lösen.«
»Und um was geht es dann?«
»Man hat uns Verstärkung geschickt.«
»Verstärkung? Wozu? Kommen wir etwa nicht gut allein zurecht? Außerdem ist dieses Büro zu klein für einen weiteren Schreibtisch. Ihrer ist eh schon so klein. Wenn sie demnächst den wenigen Platz mit einem weiteren Mann teilen müssen, wird es auf ihrer Seite ganz schön eng.«
Ein weiteres Mal schüttelte Schmidt den Kopf. Dann begann er schelmig zu grinsen.
»Kein weiterer Mann.«
»Kein weiterer Mann?«
»Nein.«
»Das heißt dann …?«
»Ja genau, dass heißt es.«
»Eine Frau?«
»Eine Frau.«
»Eine FRAU?«
Zimmermann lief rot an. »Die wollen uns hier wirklich eine Frau mit ins Büro setzen? Wer ist denn auf diese bescheuerte Idee gekommen?«
In diesem Moment klopfte es an der Bürotür.
Schmidt sprang auf und ging zur Tür.
»Wir bekommen übrigens das größere Büro gegenüber. Da werden wir uns zu dritt bestimmt richtig wohl fühlen. Vielleicht bekommen wir sogar eine neue Kaffeemaschine.«
»WAS? Neue Kaffeemaschine? Haben sie jetzt völlig den Verstand verloren?«
Und dann stand sie auch schon vor ihm. Sie war eine relativ junge Frau, klein zierlich, mit einer wilden, roten Strubbelfrisur auf dem Kopf und unzähligen Sommersprossen im Gesicht.
»Ich glaube, er ist jetzt in der richtigen Stimmung, um sie kennenzulernen.«, begrüßte Schmidt die neue Kollegin.
»Das ist Kommissar Zimmermann, der fähigste Mann in unserem Kommissariat.«
»Freut mich, sich kennenzulernen. Ich bin Kommissarin Lena-Marie Szymański.«
Sie streckte ihm die Hand entgegen, die Zimmermann nur zögerlich ergriff.
»Ich kann es nicht glauben. Jetzt schicken sie uns schon junge Dinger, die grade mal das Abitur in der Tasche haben.«
Szymański verzog das Gesicht. »Eigentlich würde ich es als Kompliment ansehen, wenn sie mich so jung einschätzen. Aber ich denke, dass sie eher meine Kompetenzen anzweifeln. Ich bin einunddreißig Jahre alt und habe in meinem letzten Kommissariat schon genug Erfahrungen sammeln dürfen, um meinen Job zur Zufriedenheit aller erledigen zu können.«
»Neues Büro haben sie gesagt, Schmidt?«
Zimmermann sah sich verzweifelt nach seinem Assistenten um. »Ist vielleicht einen Versuch wert. An allem kann man auch die eine oder andere gute Seite finden. Dann beißt man mit einem Zähneknirschen in den sauren Apfel und fügt sich in sein Schicksal.«
Er besah sich noch einmal die neue Kollegin von oben bis unten.
»Schimanski, hm? Viel Spaß in der Klischeeecke.«
Zimmermann packte seinen Mantel seine Kaffeetasse und machte sich auf den Weg in das neue Büro.
»Sie Beide kümmern sich um den restlichen Kram. Ich denke mal, dass sie fertig sind, wenn ich aus meinem wohl verdienten Wochenende wieder da bin.«

Am nächsten Montag Morgen war der Kommissar wieder da. Mit einem zufriedenen Brummen betrat er das neue Büro, warf seinen Mantel an den Garderobenständer und sah sich erstmal um. Das gesamte Inventar hatte sich bereits an seinen neuen Plätzen eingefunden.
»Läuft der Kaffee schon?«
Mit einem Lächeln wies die neue Kollegen zu einem kleinen Sideboard dass offenbar neu angeschafft worden war.
»Unsere neue Kaffeebar. ort ist endlich alles an Ort und Stelle. Kaffeepulver, Filter, Tassen.«
Sie bekam einen stolzen Gesichtausdruck. »Ich habe mir sogar die Mühe gemacht, ihre Tasse zu spülen und sie von den mehr als dicken Belägen zu befreien?«
»SIE HABEN WAS?«
In diesem Moment stand Inspektor Schmidt im Türrahmen. Doch bevor er zu einer Begrüßung ansetzte, machte er auf dem Absatz kehrt.
»Ich glaube, ich gehe nochmal ums Eck. Ich hab mein Frühstück vergessen.«
»Hiergeblieben!«, befahl Zimmermann mit einem Tonfall, der keinen Widerspruch gestattete.
»Haben sie gehört, was sich dieses … dieses … Frauenzimmer erlaubt hat?«
ein Kopf wurde rot. Wut kochte in ihm auf. Die gleiche Reaktion zeigte Lena-Marie allerdings auch.
»Frauenzimmer? FRAUENZIMMER? Aus welchem chauvinistischem Loch sind sie denn gekrochen? Haben sie etwa ein Problem damit, dass ich jetzt ein Teil dieses Teams bin, oder was?«
Zimmermann war überrascht. Mit dieser Gegenwehr hatte er nicht gerechnet. Für einen Augenblick blieb ihm die Spucke weg. Doch dann war er wieder in seinem element.
»Was erwarten sie denn? Haben sie wirklich gedacht, ich würde vor Freude Luftsprünge machen, dass eine Frau ihres Formats sich hier breit macht? Welcher Verbrecher soll sie denn ernst nehmen? Jeder Möchtegern-Taschendieb wird sie mit dem kleinen Finger unangespitzt in den Boden rammen. Ich weiß gar nicht, wie sie die Aufnahmeprüfung überstanden haben.«
»Ich bin genau 163 Zentimeter. Man konnte mich deswegen nicht ablehnen.«
Zimmermann sah sie abschätzend an. »Nicht ihr Ernst. Wie haben sie sich denn dabei durchmogeln können?«
Lena-Marie wurde etwas kleinlaut. »Ich war für einen Moment allein im Untersuchungraum und habe die Messlatte um vier Zentimeter manipuliert.«
Die Augen des alten Kommissars bekamen ein kleines Leuchten.
»Ich muss zugeben, dass ich überrascht bin. So eine unverfrorene Dreistigkeit hätte ich ihnen nicht zugetraut. Das hat Format. Gefällt mir.«
Er setzte sich zum ersten Mal in den neuen Ledersessel hinter seinem neuen Schreibtisch.
»Hier lässt es sich doch aushalten.« Er warf einen betrübten Blick in seine frisch gespülte Tasse und wandte sich seiner Kollegin zu. »Können sie eigentlich Kaffee kochen?«
Ein breites Grinsen schlich sich in Lena-Maries Gesicht.
»Den besten Kaffee, den sie sich vorstellen können. Kaffee ist meine große Leidenschaft. Er wird so gut sein, dass ihr Blutdruck durch die Decke geht.«
Zimmermann war zufrieden.
»Mir reicht schon ein richtig guter, schwarzer Kaffee, so schwarz wie dunkle Seite der Macht. Damit bin ich schon ganz glücklich.«
»Kommt sofort.«

(c) 2018, Marco Wittler

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