Fünf Zutaten – Kapitel 2 – Die erste Zutat

Zur Kapitel-Übersicht

Inspektor Schmidt hatte an diesem Morgen keine Lust gehabt, sich an der Auseinandersetzung der beiden Kollegen zu beteiligen. Er mochte es gar nicht, wenn zwei Leute versuchten, ihn jeweils auf ihre Seite zu ziehen.
»Die Beiden sollen sich mal schön selbst zusammenraufen.«
Dass die beiden Kommissare gut miteinander auskommen würden, hatte er schon beim ersten Gespräch mit der Neuen geahnt. Sie war dem Alten mehr als ähnlich.
»Wie soll ich das nur in den nächsten Jahren aushalten?«, fragte er sich lächelnd. »Zwei von dieser griesgrämigen und aufbrausenden Sorte. Das wird verdammt schwer.«
Er zog sich am Automaten im Aufenthaltsraum eine Flasche Wasser, als ein Kollege aus der Wache vorbei kam.
»Was ist denn bei euch los? Niemand geht ans Telefon.«
»Die beiden Kommissare raufen sich gerade zusammen. Vielleicht hören sie bei ihrem eigenen Gebrüll das Klingeln nicht.«
»Hm, verstehe. Ist aber wichtig. Es gibt Arbeit für euch.«
Er reichte Schmidt ein schnurloses Telefon, der sofort seinen Notizblock zog und sich wie immer die ersten Fakten aufschrieb.
Als er fertig war, hielt ihn nichts mehr an Ort und Stelle. Er stellte die Wasserflasche ab, orderte telefonisch beim bevorzugten Lieferanten des Chefs einen großen, schwarzen Kaffee und machte sich dann auf den Rückweg ins Büro.
Vorsichtig öffnete er die Tür, steckte langsam den Kopf durch den Rahmen und sah sich um. Zimmermann und Szymański saßen zusammen am Schreibtisch des Kommissars und genossen gemeinsam schweigsam einen Kaffee, dessen Duft den ganzen Raum erfüllte.
Der Kommissar entdeckte seinen Assistenten und winkte ihn zu sich.
»Oh, Schmidt. Kommen sie rein. Gönnen sie sich unbedingt einen Becher von diesem wunderbaren Gebräu. Diese Frau hier ist ein absolutes Naturtalent. So einen guten Kaffee habe ich hier noch nie bekommen. Davon können sie sich noch eine Scheibe abschneiden.«
»Danke, Chef. Aber ich befürchte, dass dazu keine Zeit ist.«
Er zog den Notizblock aus der Tasche und blätterte die Seiten durch, bis er fand, was er mitgeschrieben hatte.
»Wir haben einen neuen Fall. In Riemke ist eine Leiche gefunden worden. Ein Stück hinter dem Waldheim. Unsere Streifenkollegen sichern derzeit alles ab. Die Spurensicherung und die Leute aus der Pathologie wurden auch schon informiert und sind auf dem Weg.«
Zimmermann und Szymański seufzten zeitgleich, tranken den Rest Kaffee in einem Zug aus und stellten ihre Becher ab.
»Gehen wir.«

Sie setzten sich in den Dienstwagen. Schmidt hatte hinter dem Steuer Platz genommen, Zimmermann daneben und Szymański saß hinter den Beiden. Nachdem sie am Drive-In einer bekannten Fast Food Kette zwei große Becher Kaffee abgeholt hatten, fuhren sie zum Tatort.
»Moment mal.«, wunderte sich Lena-Marie. »Die Autobahn ist aber in der anderen Richtung.«
»Autobahn?«, wunderte sich Schmidt. »Was sollen wir denn auf der Autobahn?«
Zimmermann lachte und hielt sich den Bauch. »Sie ist ein Mädchen aus dem Ruhrpott. Sie hat Bochum-Riemke im Kopf. Sie weiß noch nicht, dass wir auch eines in Hemer haben.«
Keine zehn Minuten später waren sie fast am Ziel. Sie kamen von Apricke herein und fuhren mitten durch die Wiesen.
»Hier leben Menschen?«, kam es von der Rückbank.
»Zumindest hat bis vor Kurzem noch jemand hier gelebt. Er oder sie hat es aber wohl mittlerweile bereut.«
Zimmermann grinste bitter und nahm einen großen Schluck. »Hemer ist ein heißes Pflaster. Ich habe mich vor ein paar Jahren hierher versetzen lassen, um vor der Pension etwas kürzer zu treten. Allerdings habe ich in den letzten Jahren mit mehr Mördern zu tun gehabt, als es mir lieb war. Mehr als einmal stand ich auch selbst im Mittelpunkt der Ermittlungen. War nicht immer schön.«
Bei dem Gedanken an die eine oder andere Begebenheit wurde ihm etwas flau ihm Magen und zwang ihn zu einem Seufzer.
Sie erreichten den Tatort und stiegen aus.
Zimmermann ging voraus, seine Begleiter folgten einen Schritt dahinter.
»Okay, Leute.«, meldete er sich bei den Kollegen der Streife. »Die Kripo ist da. Wer erzählt mir, was passiert ist?«
Wachtmeister Fiedler trat vor. Anscheinend war dies sein erster Tatort mit einer Leiche. Die Nervosität stand dem jungen Mann buchstäblich ins Gesicht geschrieben.
»Ähm, ja, also … Wie soll ich sagen?« Er schluckte einen dicken Kloß aus seinem Hals herunter. »Ein Jogger, äh … also … naja, hier war halt so ein Typ unterwegs und … ja … er ist auf einen toten Menschen gestoßen.«
Er atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen. Aber man sah ihm deutlich an, dass ihn das Ganze ordentlich mitgenommen hatte. Seine Hände zitterten und im Gesicht war er völlig blass.
Zimmermann wurde ungeduldig.
»Soll das alles sein? Ich brauche Fakten, Mann.«
Lena-Marie schob sich nach vorn und gab ihrem Kollegen zu verstehen, dass er sich zurückhalten sollte.
»Ich mache das schon.«
Dann nahm sie Fiedler ein Stück zur Seite, legte ihm die Hand auf die für sie viel zu hohe Schulter und sprach ihn mit sanften Worten an.
»Ist schon gut. Ich weiß, wie sie sich fühlen. Ist das erste Mal, richtig?«
Fiedler nickte hektisch. Dann drehte er sich zur Seite und übergab sich mehrfach, bis nichts mehr aus ihm heraus kam.
»Schwarzbrot mit Käse und Ei, stimmts?«, riet Lena-Marie und drückte ihm ein Taschentuch in die Hand.
Fiedler wischte sich damit den Mund ab und mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen. Doch dann lachte er leise.
»Ja, richtig. Oh Gott, ist mir das peinlich. Das ist mir noch nie passiert.«
»Ist schon gut. Das ist uns allen schon passiert.«
Schmidt nickte verschämt. Zimmermann schüttelte den Kopf. Doch nach einen bösen Blick seiner Kollegin, nickte auch er einmal kurz und verdrehte die Augen.
»Ich bin an meinem ersten Tatort umgekippt. Die Kollegen haben sich mehr um mich als um die Spurensicherung gekümmert. Als kleine Frau erweckt man irgendwie immer den Eindruck, als wäre man hilflos. Aber irgendwann gewöhnt man sich an den Anblick eines Toten. Das wird nicht ihr letztes Mal gewesen sein. Geht es jetzt wieder?«
Fiedler nickte. Er holte noch einmal tief Luft und versuchte, sich zu konzentrieren.
»Okay. Also, ich hab mit dem Zeugen gesprochen. Er war vorhin joggen. Er macht das jeden Tag zur gleichen Zeit, egal wie gut oder schlecht das Wetter ist. Der Tote kann also maximal 24 Stunden hier liegen.«
»Darum kümmert sich dann unser Pathologe. Der wird den Todeszeitpunkt ziemlich feststellen können.«, mischte sich Zimmermann kurz ein.«
»Jedenfalls hat der Mörder ziemlich brutal zugeschlagen. Dem Opfer wurde die Kehle durchschnitten. Meiner Meinung nach ist das auch die Todesursache. Überall ist Blut. Die Lache ist riesig.«
»Okay. Wir schauen uns das jetzt selbst an.«, bedankte sich Zimmermann.
»Eines noch.«, ergänzte Fiedler. »Der Mörder muss den Toten verhöhnt haben. Er hat ihn mit einem weißen Pulver bestreut. Die Kollegen wissen auch noch nicht, worum es sich handelt.«
»In Ordnung. Das finden wir noch heraus.«
Zimmermann warf einen Blick auf seinen Kaffeebecher, der noch zur Hälfte gefüllt war und drückte diesen Fiedler in die Hand.
»Hier mein Junge. Trink das. Das bringt dich wieder auf die Beine.«
Er bedeutete seinen Kollegen, ihm zu folgen. Sie gingen zum Tatort. Während sich Lena-Marie Gummihandschuhe überzog, hockte sich Zimmermann direkt zur Leiche und sah sich alles genau an.
Der Körper war zu einem großen Teil mit Blut besudelt. Teilweise hatte sich das erwähnte weiße Pulver damit vermischt, teilweise lag unberührt es auf der trockenen Kleidung. Den Rest hatte der Täter als Ring um das Opfer gestreut.
»Was mag das wohl sein.«
Zimmermann feuchtete mit der Zunge den kleinen Finger der linken Hand an und tippte damit in das Pulver. Er besah es sich prüfend und roch ein paar Mal daran. Dann führte er den Finger zum Mund.
»Sind sie sicher, dass das eine gute Idee ist?«, kam es von Szymański. »Vielleicht sollten sich die Kollegen der Spurensicherung damit befassen. Das ist ungefährlicher. Das könnte doch …«
Schmidt stieß sie sanft mit dem Ellenbogen in die Seite und schüttelte den Kopf. »Hat keinen Sinn.«, flüsterte er. »Er hat seinen eigenen Kopf und seine eigenen Methoden.«
Zimmermann leckte an seinem Finger und verteilte das Pulver in seinem Mund. Er schloss die Augen und konzentrierte sich.
»Mehl. Ganz einfaches und schlichtes Mehl. Typ 405 würde ich schätzen.«
»Mehl. Okay. Lena-Marie war sichtlich erleichtert, dass sich er Kommissar nicht vergiftet hatte. »Aber woher wissen sie so genau, welches Mehl das ist? Können sie das wirklich schmecken?«
»Schmecken? Nein. Auf keinen Fall. Aber es steht auf der Verpackung, die da unter dem Busch liegt. Ist mir gerade ins Auge gefallen.«
Nun zog er sich auch Handschuhe über und begann mit der Durchsuchung des Toten. In der Innentasche der Jacke wurde er fündig. Neben der Brieftasche fand er auch noch einen gefalteten Zettel.
»Hugo Bremer. 45 Jahre alt, wohnhaft hier im Dorf. Checken sie das mal, Schmidt. Vielleicht liegt ja was vor, das uns einen Hinweis gibt.«
Dann entfaltete er das Papier und las laut vor, was darauf stand.
»Es braucht fünf gute Zutaten, die den Erfolg eines schmackhaften Rezepts ausmachen. Nur fünf gute Zutaten, die entscheiden zwischen Qualität und billigen Mist. Du hast dich für den Mist entschieden und trägst dafür die Konsequenzen. Eine ganze Menge hab ich nun für dich verschwenden müssen, dabei hätte ein Pfund schon ausgereicht.
Du bist nur der Erste. Andere werden dir folgen.«
Zimmermann kam wieder hoch und reichte das Schreiben seiner Kollegin, die es sich von allen Seiten betrachtete und dann vorsichtig in einen Plastikbeutel verstaute.
»Da ist unser Hinweis. Jetzt liegt es an uns, den passenden Täter zu finden. Nehmen wir die Herausforderung an?«
Szymański nickte.
»Je schneller, desto besser. Wenn ich den Brief richtig interpretiere, beginnt hier ein Verrückter eine Mordserie. Das müssen wir verhindern, bevor ihm noch mehr Menschen zum Opfer fallen.«
»In Ordnung. Wir packen zusammen und fahren zurück ins Büro. Wir schauen uns alles genau an und versuchen den Mistkerl zu finden.«

Am nächsten Tag brüteten sie im Büro über den aktuellen Fall. Viel hatte die Spurensicherung nicht finden können. Es gab keine Tatwaffe, keine Fingerabdrücke, nicht einmal verwertbare DNA Spuren hatten sie finden können. Im Bereich des Waldheims gab es einfach zu viele davon. Am Ort des Verbrechens fanden regelmäßig Geburtstagsfeiern, Jubiläen und Hochzeiten statt. Die Fülle an Genproben war einfach zu umfangreich. Die Spur zum Mörder musste zweifellos gefunden worden sein, aber hier hatten sich buchstäblich Dutzende bis Hunderte Menschen aufgehalten. Ein Haar, war da leider noch kein Beweis. An der Leiche selbst war nichts gefunden worden.
»Wir haben also eine mit Blut verschmierte Leiche auf einem Waldweg, ein geheimnisvolles Briefchen und einen leeren Fünf Kilo Sack Mehl.«, fasste Zimmermann zusammen.
»Unser Täter ist vielleicht, Koch, vielleicht Bäcker oder auch ein Müller.«
»Oder er hat den Sack in der Sundwiger Mühle gekauft, um uns in die Irre zu führen. Dort kann jeder kaufen. Ist kein Problem.«, warf Schmidt ein. »Ich hole mir dort einmal in der Woche mein Frühstücksmüsli.«
»Frühstücksmüsli?«, fragte Szymański ungläubig. »So sehen sie auch aus. Körnerfresser und Gesundheitsfanatiker. Deswegen haben sie auch nichts auf dem Rippen.«
Sie lachte und gönnte sich einen Schluck Kaffee.
»Wir stehen also vor einem großen Nichts. Wir haben keine Hinweise, die uns zum Täter führen. Also müssen wir warten, dass der Kerl ein neues Opfer findet?«
Zimmermann nickte.
»Ich fürchte ja. Es sein denn, einer von ihnen Beiden hat einen besseren Vorschlag.«
Ein Vorschlag kam nicht. Woher auch? Ihnen waren buchstäblich die Hände gebunden.
»Ich habe auch keinen. Aber ich werde unsere Jungs und Mädels von der Streife bitten, auch in den kleinen Dörfern der Stadt zu patrouillieren. Vielleicht hilft uns der Zufall weiter und es kann Schlimmeres verhindert werden.«
Zimmermann stand auf und schlurfte zur großen Wandtafel. Er nahm einen dicken Stift zur Hand und begann eine Liste.
‚Fünf Zutaten‘ schrieb er auf und machte einen langen Strich darunter. Mit der Zahl 1 notierte er Mehl.
»Unser Täter hat ein Rezept im Kopf. Das ist unser einziger Hinweis. Er hat mit Mehl angefangen. Beim nächsten Tatort wird es etwas anderes sein. Vielleicht kriegen wir ihn darüber. Je mehr er uns hinterlässt, desto enger zieht sich der Kreis. Das klingt zwar makaber, aber das ist bis jetzt unser einziger Weg.«

(c) 2018, Marco Wittler

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*