Fünf Zutaten – Kapitel 3 – Die zweite Zutat

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Das Telefon klingelte schon recht früh an diesem Morgen. Schmidt war gerade ins Büro gekommen. Seine Kollegen waren noch auf dem Weg.
»Büro Zimmermann hier, Schmidt am Apparat, ich höre?«
Aus reiner Gewohnheit zog er seinen Notizblock aus der Tasche und schrieb alles mit, was er mitgeteilt bekam. In Gedanken verfluchte er den Anrufer. Sie hatten schon genug mit dem Mehlmörder zu tun, wie er in der Wache benannt worden war. Ein weiterer Fall würde sie nur unnötig Zeit kosten.
»Wie war das? Jemand hat einen Webspace unter fremdem Namen bestellt? Mensch, Leute, ist das echt euer Ernst? Wir stecken bis über beide Ohren in den Ermittlungen zum aktuellen Mordfall. Wir können uns nicht um solche Banalitäten kümmern. Gebt das doch bitte an den Kollegen Römer. Der ist doch eh sehr erfahren, was Internetkriminalität angeht.«
Schmidt wusste, dass es Einwände geben würde. Die wollte er sich aber keinesfalls anhören. Also legte er kurzerhand auf und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Keine Minute später öffnete sich die Tür und der Rest des Teams trat ein. Szymański mit einem Lächeln im Gesicht, Zimmermann mit seinem üblichen, schlecht gelaunten Brummen.
»Ich kümmer mich um den Kaffee.«
Lena-Marie hatte mittlerweile die völlige Kontrolle über die Kaffeemaschine übernommen, was Schmidt nur recht war. Außerdem schmeckte ihr Gebräu bei Weitem besser als alles, was er bisher zustande bekommen hatte. Was war bloß ihr Geheimnis? Zauberei und Hexerei? Eine besondere Zutat, die sie heimlich hinein mischte? Oder war es einfach nur Hingabe an die schwarzen Bohnen und ein wenig Liebe, die auch in der Küche wahre Wunder wirkte? Obwohl … Schmidt dachte an die Kochkünste seiner Frau. Sie war definitiv immer noch so verliebt in ihn, wie am ersten Tag und jede einzelne Mahlzeit war versalzen.
»Gibt es etwas Neues?«, erkundigte sich Zimmermann.
»Soweit ich das überblicken kann gibt es keine weiteren Hinweise. Den E-Mail Postkasten habe ich bereits durch. Die Briefpost sieht aber auch nicht vielversprechender aus.
Der Kommissar brummte unzufrieden. Er konnte es nicht leiden, wenn er in einem Fall nicht weiter kam und dadurch unnötig unschuldige Menschen gefährdet wurden.
»Nana, wer wir wird denn da den Tag mit schlechter Laune beginnen?«, warf sich Lena-Marie verbal zwischen die Beiden.
»Jetzt trinken sie erstmal einen ordentlichen Kaffee, dann sieht die Welt schon ein wenig freundlicher aus.«
Sie drückte Zimmermann seine Tasse in die Hand und bugsierte ihn hinter seinen Schreibtisch. Dort ließ er sich tief in seinen Ledersessel sinken, nahm einen großen Schluck und seufzte schon etwas verträglicher.
»Das hier ist ein wirklich guter Kaffee. Genau so muss er sein. Er ist so schwarz, wie früher die verrußten Fensterscheiben im Ruhrpott. Man, waren das noch Zeiten. Wie ich das vermisse.«
Lena-Marie grinste. »Hab ich auch nicht mehr erlebt. Aber meine Mama hat mir oft davon erzählt, wie schmutzig aber schön es in der Heimat war.«
Zimmermann lehnte sich zurück und grinste.
»Wenn es in Dortmund so schön war, warum sind sie dann zu uns gekommen? Hier ist doch alles so sauber und natürlich.«
Szymańskis Gesicht verfinsterte sich.
»Strafversetzt. Im alten Revier wollten sie mich nicht mehr haben. Ich wäre nicht tragbar.«
»Was ist passiert?«
»Mein Chef, dieser alte Stinkstiefel, dieser notgeile Bock war der Meinung, dass er allen Mädels an den Arsch packen dürfe. Keine hat je etwas gesagt oder sich dagegen gewehrt. Bei mir hat er es sich nur einmal getraut. Die Prügel, die er von mir bekommen hat, haben wahre Wunder gewirkt. Leider waren wir bei dieser Aktion allein. Ich hatte keine Zeugen. Der Mistkerl hat mich eiskalt abserviert.«
Zimmermann war nicht schockiert. Stattdessen wurde sein Grinsen noch ein ganzes Stück breiter.
»Sie gefallen mir immer besser. Sie sind keine Ja-Sagerin und lassen sich nicht von anderen unterbuttern. Ich glaube, sie werden auf Dauer eine große Bereicherung für unser Team werden. Und das meine ich nicht nur deswegen, weil sie einen unglaublich guten Kaffee kochen können.«
Jetzt konnte auch Lena-Marie wieder strahlen. »Danke, Chef.«
Ein weiteres Mal unterbrach das Telefon die Ruhe im Büro. Ein weiteres Mal nahm Schmidt den Anruf entgegen und machte sich erneut Notizen. Mit einem betroffenen Seufzen legte er nach ein paar Minuten auf.
Die beiden Kommissare sahen ihn gebannt an.
»Es wurde eine neue Leiche gefunden. Es scheint sich wieder um unseren Mehlmörder zu handeln. Das wäre dann die Nummer Zwei. Wieder an einem Montag. Dieses Mal befindet sich der Tatort in Apricke.«
»Apricke? Ist das nicht das Dorf, durch welches wir Riemke erreicht haben?«
Zimmermann nickte und mühte sich aus seinem Sessel hoch. »Dann machen wir uns mal auf den Weg. Auch wenn es ein trauriger Anlass ist, ich bin gespannt, was uns der Täter dieses Mal als makabren Hinweis hinterlassen hat.«
Lena-Marie sprang ebenfalls auf und packte ihre Sachen zusammen.
»Schmidt, denken sie an den Kaffee. Zwei Becher, ja?«
Schmidt grinste. Jetzt hatte er es schon mit zwei Koffeinjunkies zu tun. Diese beiden Kommissare hatten sich offensichtlich gesucht und gefunden.

Zwanzig Minuten später stiegen sie dampfenden Kaffeebechern aus dem Dienstwagen. Der Ort des Geschehens befand ich im Zentrum des kleinen Dorfes. Die Leiche einer weiblichen Person war im Brunnen an der Hauptkreuzung gefunden worden.
»Michaela Walters, 61 Jahre alt. Sie hat hier in Apricke gelebt. Zwei Kollegen sind bereits bei ihrem Mann, um die traurige Nachricht zu überbringen.«erklärte Wachtmeister Fiedler. Heute war besser vorbereitet und wusste genau, welche Fakten den Kommissar interessierten.
»Auch ihr wurde die Kehle durchtrennt. Das Wasser des Brunnens ist voller Blut. Entsprechend sieht es dort auch aus.«
Er atmete tief durch. Man merkte ihm an, dass ihm der Anblick aufs Gemüt schlug. Trotzdem war er voll und ganz bei der Sache.
»Der Pathologe war noch nicht hier. Die Spurensicherung ist auch noch auf dem Weg. Wir gehen aber erstmal davon aus, dass Frau Walters in der Nacht getötet wurde. Den ganzen Morgen war die Leiche von einem aufgefalteten Karton verdeckt gewesen. Erst als ein angetrunkener Autofahrer den Karton touchiert hat, fiel er um und gab das grausame Bild frei.
Das ist alles, was wir bis zum jetzigen Zeitpunkt sagen können.«
Zimmermann nickte. »Vielen Dank.«
Er zog sich Gummihandschuhe um sah sich vorsichtig um. Es war nicht einfach, etwas zu sehen. Der Kopf steckte im Wasser. Nur mit Mühe und Not war die große Wunde im Hals zu sehen.
»Woher haben sie eigentlich den Namen der Toten? Ich will doch hoffen, dass niemand den Kopf angehoben hat, bevor nicht alle Spuren gesichert wurden.«
»Auf keinen Fall, Herr Kommissar. Auf dem Brunnenrand stand die Handtasche, so wie jetzt auch noch. Wir haben uns lediglich erlaubt, mit Handschuhen natürlich, nach einem Ausweis darin zu suchen.«
Szymański nahm den jungen Polizisten kurz zur Seite, winkte ihn zu sich herab und flüsterte ihm ins Ohr.
»Prima. Sehr gut gemacht. Ich hab doch gesagt, dass sie das irgendwann auf die Kette kriegen. Ging sogar schneller, als ich dachte.«
Sie zwinkerte ihm zu und hielt einen Daumen in die Höhe.
Nun machte sich auch Zimmermann an der Handtasche zu schaffen. Er suchte nach dem Hinweis und wurde auch schnell fündig.
»Da ist er schon.«
Vorsichtig entfaltete er den Brief und las die wenigen Zeilen darauf vor.
»Wasser gehört hinein, Wasser für ein richtig gutes Rezept. Nicht so viel, wie in deiner Lunge, aber ein guter Viertelliter wird schon reichen. Wer aber ein richtig gutes Rezept ablehnt und sich mit weniger zufrieden gibt, verdient den Tod. Und zu diesen Menschen gehörst du. Damit bist du nun die Nummer Zwei. Drei Weitere werden dir noch folgen.«
Er schnaufte leise. »Ein Pfund Mehl und ein Viertelliter Wasser. Verdammt, was will uns dieser Verrückte damit nur sagen? Was steckt hinter diesem Rezept? Mit Wasser und Mehl kann man so ziemlich alles machen. Zum Kotzen ist das.«
Er wandte sich hilflos an den Rest seines Teams.
»Wir fahren zurück ins Büro. Wir müssen das Internet durchgehen. Alles Rezepte mit diesen Zutaten kommen auf eine Liste, damit wir irgendwie voran kommen. Wir können nicht noch weitere Menschen sterben lassen. Irgendwann bricht hier noch eine Massenpanik aus.
Wir müssen auf jeden Fall verhindern, dass die Presse davon Wind bekommt, ist das klar?«
»Glasklar, Chef!«
»In Ordnung. Dann ab dafür.«

(c) 2018, Marco Wittler

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