Fünf Zutaten – Kapitel 4 – Die dritte Zutat

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Eine Woche war ins Land gegangen. Sieben Tage, an denen es im Hemer ruhig geblieben war. Zu ruhig für Zimmermanns Geschmack. Die erste Leiche hatte die Nacht zu einem Montag nicht überlebt, der zweiten war es ähnlich ergangen. Nun war es wieder Wochenbeginn. War das grausame Morden fortgesetzt worden? Und wenn ja, wo würde die Leiche gefunden werden?
Die Uhr über der Bürotür zeigte halb neun. Die ersten Kaffeetassen waren bereits geleert. Das Telefon war aber bisher stumm geblieben.
»Vielleicht ist auch nichts passiert.«, warf Schmidt ein.«
Zimmermann schüttelte den Kopf.
»Da glaube ich noch nicht dran. Wir haben zwar erst zwei Leichen gefunden, aber da uns fünf angekündigt wurden, bin ich fest davon überzeugt, dass unser Rezeptkiller, den Namen halte ich übrigens für wesentlich passender, sich an einen genauen Zeitplan halten wird.«
»Diese Vermutung kann ich nur unterstützen. Wenn ich so ein krankes Hirn hätte, würde ich mich auch von meinem Kalender leiten lassen.«
Lena-Marie bewies, dass sie Multitasking beherrschte. Sie arbeitete sich fleißig durch einen großen Stapel mit Rezepten und nahm trotzdem rege an den Gesprächen im Büro teil.
»Sie haben ihren ehemaligen Vorgesetzten verprügelt. Ob mit ihrem Hirn wirklich alles gesund ist, könnte sehr schnell angezweifelt werden.«
»Eins zu Null für sie Chef.«, gab sie zu, ohne beleidigt zu sein. Die junge Kommissarin stand zu ihren Fehlern und Schwächen.
Während das Ermittlerteam sich um den Kampf gegen den Papierkram bemühte, verging immer mehr Zeit. Der Morgen lag bereits hinter ihnen, der Mittag verstrich auch irgendwann und machte dem Nachmittag Platz. Mit jeder getrunkenen Tasse Kaffee wurde es später und später, bis die Wanduhr Fünf vor Fünf zeigte.
»Gleich ist Feierabend.«, sagte Schmidt. »Ich glaube unser Täter hat aufgegeben oder bricht aus der vermuteten Regelmäßigkeit aus. Heute passiert bestimmt nichts mehr.«
Zimmermann hob den Zeigefinger an die Lippen und brachte seinen Assistenten zum Schweigen.
»Niemals den Tag vor dem Abend loben. Niemals. Bedenken sie, dass sich hinter jedem Sprichwort ein wahrer Kern versteckt hält.«
Er sah weiter auf die Uhr über der Tür, wechselte hin und zu seiner Armbanduhr hinüber und dann wieder zurück. Die letzten Minuten verstrichen quälend langsam, dehnten sich zu unendlichen Stunden aus, bis es schließlich doch 17 Uhr wurde und dann noch eine weitere Minute später.
»Feierabend.«, kam es erleichtert aus Schmidts Mund. »Ich hab es doch gewusst.«
Genau in diesem Moment klingelte das Telefon.
Zimmermann und Szymańsi warfen ihm bedeutungsschwere Blicke zu und forderten ihn regelrecht dazu auf, den Hörer in die Hand zu nehmen.
»Wir haben Feierabend.«, versuchte sich Schmidt zu verweigern. »Wir müssen da nicht mehr ran.«
Die Blicke der Kommissare wurden ernster. Lena-Marie erhob sich langsam und erweckte den Eindruck, sich für einen Sprint vorzubereiten.
»Ist ja schon gut. Ich geh ran.«
Schmidt nahm den Hörer ab und führte ihn langsam zum Ohr.
»Büro Zimmermann, Schmidt am Apparat, ich höre.«
»Psst!«, machte Lena-Marie. »Psst!«
Sie räusperte sich ein paar Mal, bis Schmidt zu ihr sah.
»Sie haben ihren Notizblock vergessen. Nun machen sie schon.«, zischte sie herüber.
Schmidt seufzte, nahm Zettel und Stift zur Hand und begann mit seinen üblichen Notizen.
»In Ordnung. Ich habe verstanden. Vielen Dank für den Anruf.«
Er legte auf und atmete tief durch. Dann sah er die anderen verzweifelt an.
»Der Feierabend ist gestrichen. Er hat wieder zugeschlagen. Wir müssen los.«

Schmidt steuerte den Dienstwagen nach Brockhausen, einem weiteren Dorf im Osten der Stadt Hemer. Offensichtlich beschränkte sich der Rezeptkiller auf diese Gegend. Die Frage war nur, ob er hier lebte oder ob es sonst noch irgendwelche Verbindungen zu diesen Ortsteilen gab.
Auch heute hatte Wachtmeister Fiedler Dienst. Es hatte ihn innerhalb kürzester Zeit zum dritten Mal getroffen. Er wartete bereits am Tatort, um dem gerade eingetroffenen Ermittlerteam die wichtigsten Informationen zu geben.
»Schönen guten Abend, Wachtmeister.«, kam ihm Zimmermann entgegen. Sie sind gut vorbereitet?«
Fiedlier nickte und schüttelte Zimmermann die Hand.
»Aber sicher, Herr Kommissar. Ich weiß doch, worauf es ihnen ankommt. Ich bin schließlich lernfähig.«
Er gab ein schmales Grinsen von sich, was ihm in Anbetracht der Situation nicht unbedingt leicht viel.
»Marco Holzmann, 26 Jahre alt, gebürtiger Brockhauser.
Auch dieser dritte Tote hat eine durchtrennte Kehle. Tatwaffe nicht auffindbar. Wir haben darauf geachtet, keine Spuren zu zerstören, deswegen haben wir auch noch keine weitere Zutat gefunden. Das der Tote erst so spät gemeldet wurde lag daran, dass er abseits des Weges liegt. Er der freilaufende Hund eines Spaziergängers hat ihn gefunden.«
Zimmermann nickte anerkennend. »Sehr gut, mein Junge. Sie machen sich. Ihnen steht bestimmt noch mal eine große Karriere bevor.«
Er klopfte dem Wachtmeister auf die Schulter, zog sich seine Gummihandschuhe über und machte sich an die Arbeit.
Fiedler trat an Szymański heran und raunte ihr etwas ins Ohr.
»Sie hatten nicht recht. Mir fällt es zwar einfacher, mich auf meine Aufgaben zu konzentrieren, aber der Anblick einer Leiche schockiert mich immer wieder aufs Neue. Ich weiß nicht, ob ich damit jemals klar kommen werde. Ich hatte eigentlich gedacht, dass hier auf dem Land alles relativ ruhig sein würde, aber dass regelmäßig Menschen gewaltsam zu Tode kommen, habe nicht erwartet.«
Lena-Marie nickte und stimmte ihm betroffen zu.
»Geht mir nicht anders. Ich habe immer gedacht, dass der Pott ein heißes Pflaster – gerade in den sozialen Brennpunkten. Aber Hemer ist echt eine krasse Überraschung.«
Zimmermann war mittlerweile voll in seinem Element. Der Tote lag vor ihm mit dem Gesicht nach unten auf dem weichen Waldboden, unweit des alten Haus Märchenwald, der mittlerweile zu einem Mehrfamilienhaus umgebaut worden war.
Die tödliche Verletzung war gut zu erkennen, auch ohne den Toten auf den Rücken zu drehen. Der Schnitt ging fast von einem Ohr zum anderen.
Vorsichtig durchsuchte Zimmermann die Taschen des Toten. Bis auf ein paar Münzen, einem Kaugummi und einem Kondom war nicht viel zu finden.
»So komme ich nicht weiter. Ich drehe ihn um. Habt ihr bereits Fotos gemacht?«
Fiedler bejahte, Zimmermann griff zu und drehte das Opfer um.
Die Wunde war bereits dick verkrustet. Andere Tötungsspuren waren nicht zu entdecken.
»Na, wo steckst du? Irgendwo musst du doch sein.«
In der Jackeninnentasche wurde der Kommissar schließlich fündig.
»Da ist der Brief. Jetzt haben wir einen neuen Hinweis. Aber wo ist die dritte Zutat? Die hat er doch unmöglich vergessen. Oder hat in der Zeit ein Tier alles gefressen?«
Er faltete den kurzen Brief auseinander und las.
Ein gutes Rezept, ein wirklich richtig gutes Rezept, braucht, wie wir alle wissen, fünf Zutaten. Nicht mehr und nicht weniger. Das reicht völlig aus.
Wenn man sich darauf verlässt, schmeckt es einfach gut. Wer aber seine Geschmacksknospen mit Fertigmüll abtötet, tötet sich selbst. Damit es etwas schneller geht, helfe ich gerne. Ein schneller Schnitt, dann ists vorbei.
Hättest du mal etwas Gutes zu dir genommen. Aber nun ists ja zu spät. Der Würfel wird dich auf ewig daran erinnern, dass du als Dritter diese Welt verlassen hast.«
Das war es. Mehr nicht.
»Verdammt. Was soll das? Was für einen Würfel meint der Mistkerl?«
»Haben sie schon einen Blick in den Mund geworfen?«
Lena-Marie hatte sich bereits Handschuhe übergezogen und hockte sich nun gegenüber ihres Kollegen neben die Leiche. Mit einem geübten Griff zog sie den Unterkiefer herunter und fühlte mit dem Zeigefinger in die Mundhöhle hinein.
»Kein Würfel. Dafür nur jede Menge von irgendeinem weichen Schmodder. Der ganze Mund ist voll davon.«
Sie zog den Finger wieder heraus und sah ihn sich an. Er war mit einer grauen, undefinierbaren Masse beschmiert.
»Also, wenn das mal ein Würfel war, dann hat er sich mittlerweile aufgelöst – was auch immer das gewesen ist. Dieses Mal war unser Freak nicht so großzügig mit seiner Zutat.«
Sie roch an der Masse und verzog sofort das Gesicht.
»Riecht irgendwie nach altem, schalem Bier und auch wieder nicht.«
Sie hielt Zimmermann den Finger hin, der kräftig einatmete.
»Hefe. Ganz eindeutig. Das war mal ein Würfel Frischhefe. Bei der Menge würde ich sogar von Zweien oder Dreien ausgehen.«
Er ging die Liste der bisherigen Zutaten durch. »Ein Pfund Mehl, ein Viertelliter Wasser, ein Würfel Hefe. Also irgendein Gebäck. Aber welcher Bäcker arbeitet denn mit Wasser? Kommt da nicht überall Milch rein? Ich werd einfach nicht schlau daraus.«
Er sah seine Kollegin an. Doch auch sie zuckte mit den Schultern.
»Ich kann weder kochen, noch backen. Erwarten sie von mir also bitte keine plötzliche Erleuchtung.«

(c) 2018, Marco Wittler

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