Fünf Zutaten – Kapitel 6 – Die fünfte Zutat

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Das Ermittlerteam saß im Büro und brütete über die bisherigen Erkenntnisse.
»Wir wissen ja nicht mal, welche Tatwaffe er benutzt hat. Vier saubere, lange Schnitte durch die Kehle, aber die Pathologie hat kein Schnittmuster gefunden, das zu einer bekannten Messerart passt. Was benutzt der Kerl eigentlich? Und dann noch dieses völlig nutzlose Rezept. Wer kocht oder backt denn auf so eine Art und Weise? Warum Milch, warum so viel Wasser? Streckt der sein Rezept, um Geld zu sparen? Ich kann langsam nicht mehr. Vier Wochen sind jetzt rum und vier Menschen sind gestorben. Der Freak treibt weiter sein Unwesen und wir sind hier zur Untätigkeit gezwungen, weil er schlau genug ist, keine verwertbaren Spuren zu hinterlassen. Verdammte Scheiße!«
Zimmermann war wütend, sehr wütend sogar. Er hasste es, wenn er nicht vorwärts kam. Normalerweise war er es gewohnt, Fälle schneller zu lösen. Doch dieses Mal waren ihm die Hände gebunden. In seiner Laune wischte er den großen Stapel Papier von seinem Schreibtisch und beförderte ihn auf den Boden.
»Wollen sie vielleicht einen Kaffee trinken?«, fragte Lena-Marie. »Einfach nur für den guten Geschmack und um runter zu kommen. Etwas das Gemüt abkühlen.«
»Ach Scheiß auf den Kaffee. In Hemer sterben Menschen, was ich nicht verhindern kann. Wie soll mir da ein Kaffee helfen?
Er stand auf und ging zum Telefon, dass sich auf Schmidts Schreibtisch befand. Er wählte die Nummer der Wache im Erdgeschoss.
»Habt ihr schon was gehört? Hat sich schon jemand gemeldet? Es ist gleich Mittag. Irgendwann wird die fünfte Leiche auftauchen.«
Er hatte wieder mal den richtigen Riecher bewiesen, auch wenn das Ergebnis niederschmetternd war.
»Der Kollege an der Notrufleitung hat tatsächlich gerade jemanden am Ohr, der wohl etwas gefunden hat. Wir melden uns sofort.«
Zimmermann knallte den Hörer auf den Apparat.
»Ich hab es ja gewusst. Er hat wieder zugeschlagen. Die Kollegen nehmen unten grad die ersten Fakten entgegen. Sie werden bestimmt in ein paar Minuten zum Tatort starten. Wir sollten uns ihnen anschließen.«
Lena-Marie und Schmidt standen auf und zogen sich ihre Jacken über. Zimmermann stürzte eine halbe Tasse Kaffee in seine Kehle hinein, um nichts zu verschwenden.
»Ein guter Kaffee war das. Wirklich ein verdammt guter Kaffee.«
Dann verließen die Drei das Büro und stürmten in die Wache.

»Wir warten nicht. Wir kommen gleich mit.«, platzte es aus dem Kommissar heraus.
»Ihr könnt den Tatort absichern. Wir kümmern uns um den Rest.«
Damit waren die Wachtmeister einverstanden.
»Und wie ich sehe, ich Kollege Fiedler auch wieder mit von der Partie?«
Fiedler nickte und seufzte. »Ist irgendwie nicht mein Tag heute.«
»Macht nichts. Sie werden heute mal nicht an der Leiche arbeiten müssen. Das übernimmt Kommissar Schimanski. Sie wird ihrem duisburger Namensvetter bestimmt alle Ehre machen.«
Zimmermann lächelte grimmig. Immerhin fand er in diesem Moment noch genug Zeit für einen Witz. Lena-Marie verdrehte allerdings die Augen. Sie hatte ihn schon oft genug in ihrem Leben gehört. Vor allem nervte es, dass niemand darauf achtete, dass sie ganz anders geschrieben wurde.

Mit mehreren Fahrzeugen waren sie quer durch den Wald von Deilinghofen nach Nieringsen gefahren. An der einzigen Dorfkreuzung, die im Schatten der wenigen Wohnhäuser lag, für die man nicht mal eine ganze Hand brauchte, hielten sie an.
An der Böschung des Iserbachs eine ältere Frau, die ihnen schon von weitem gewunken hatten.
»Hierher! Hier liegt jemand. Es ist so schrecklich.«
Die Beamten stiegen aus. Zimmermann delegierte sofort die ersten Aufgaben.
»Fiedler, sie kümmern sich um die Dame und beruhigen sie, wenn nötig. Schmidt, sie nehmen Zeugenaussagen auf, Schimanski schaut sich die Leiche an. Die anderen suchen nach Spuren. Eine Absperrung des Tatorts können wir uns wohl sparen. Hier kommt eh niemand vorbei.«
Lena machte sich sofort an die Arbeit. Die Gummihandschuhe waren schnell überzogen. Dann kniete sie sich auf den Boden und besah sich die Leiche.
Umdrehen musste sie sie nicht. Die tote Frau lag bereits auf dem Rücken.
»Die Kehle ist auf die übliche Art und Weise durchtrennt worden. Ganz sauberer Schnitt, wie es scheint. Das war eindeutig unser Mann. Jetzt bleibt nur die Frage, wo sein Hinweis ist.«
Als erstes fand sie den Ausweis. »Oh mein Gott. Ich glaube, heute wird mir auch mal schlecht.«
Sie hielt den Ausweis hoch. »Die Tote heißt Lena-Marie und ist wie ich 1987 geboren.«
Sie schloss die Augen und atmete mehrmals tief durch, bevor sie sich wieder gefangen hatte.
»Verdammte Zufälle. Die können einen echt durcheinander bringen.«
Sie wischte sich eine Träne aus dem Gesicht.
»Okay, ich hab mich wieder unter Kontrolle. Es geht schon wieder.«
Sie suchte weiter und wurde schließlich fündig. In der rechten Jackentasche steckte der übliche, gefaltete Zettel.
»Das ist es jetzt endlich. Mein Rezept ist komplett. Acht Esslöffel nimmt man dafür, dann hat man ein wirklich richtig gutes Rezept. Aber wenn man davon keine Ahnung hat und nur fertigen Mist frisst, macht man sich selbst kaputt und stirbt. Wenn nicht durch den Dreck, dann durch meine Hand.
Fünf Mal habe ich das jetzt gemacht. Fünf Menschen habe ich gerichtet. Doch damit soll es nicht vorbei sein. Jetzt kommt das große, blutige Finale.
Danach wird die Konkurrenz am Boden liegen und die Menschen heulen und mit den Zähnen klappern. Heute Abend ist es so weit.«
Lena-Marie wurde nervös. Schon heute Abend sollte es so weit sein. Aber wo? Und wo war der letzte Hinweis?
Sie suchte weiter und fand ihn schließlich in der anderen Jackentasche.
»Es ist eine kleine Flasche Olivenöl. Das ist die letzte Zutat.«
Sie kam damit zu ihren beiden Kollegen und legte sie Zimmermann in die Hand.
»500 Gramm Mehl, 250 Milliliter Wasser, ein Würfel Frischhefe, ein Schluck Milch und acht Esslöffel Olivenöl.«
Sie kniff die Augen zusammen und dachte angestrengt nach.
»Das ist … das ist …« Und dann fiel es ihr ein. »Ja, klar. Warum bin ich da nicht schon früher drauf gekommen? Das ist das Rezept für …«
Doch dann kam ihr Zimmermann doch noch zuvor. »…für Pizzateig. Richtig.«
Schmidt zog die Stirn kraus. »Pizzateig? Mit Milch? Wer backt denn so? Habe ich noch nie gehört.«
»Meine Mutter hat ihren Teig immer so gebacken.«
»Meine Exfrau.«, erinnerte sich Zimmermann und stutzte.
»Ähm, ich muss mich mal eben setzen. Ich bin gleich wieder da.«
Er schleppte sich plötzlich sichtlich angeschlagen zum Dienstwagen und ließ sich in den Beifahrersitz fallen. Aus der Ferne konnten Lena-Marie und Schmidt sehen, dass er die Augen schloss und schwer atmete.
»Sollten wir uns nicht lieber um ihn kümmern? Vielleicht ist ihm nicht gut oder er bekommt gerade einen Herzinfarkt?«
Schmidt schüttelte den Kopf. »Ich denke, dass er gerade einige Fäden miteinander verknüpfen konnte, die ihm etwas verraten haben, was ihn schockierte. Er ist gleich wieder auf dem Damm.«
Es dauerte ganze fünf Minuten, bis er sich einigermaßen gefangen hatte. Zimmermann lehne sich aus dem Fenster und winkte Lena-Marie zu sich.
»Ist alles in Ordnung, Chef?«
»Ich bin mir nicht sicher. Das wird sich aber hoffentlich bald klären.«
Er bat sie, sich ins Auto zu setzen. Sie machten die Fenster zu und sprachen eine Weile miteinander.
Schmidt stand nur ratlos neben der Leiche und überlegte, was da gerade vor sich ging.
»Diskutieren die beiden jetzt aus, wer der Mörder ist?«, wurde er von Wachtmeister Fiedler gefragt.
»Ich weiß es nicht. So etwas habe ich mit dem Kommissar auch noch nicht erlebt. Er ist auf einmal so ganz anders.«
»Aber wer ist denn jetzt der Mörder?«
»Ich weiß es wirklich nicht. Aber wenn ich die Anzeichen richtig deute, kommen nur zwei Personen in Frage. Es war entweder Mutter Szymański oder die Exfrau des Kommissars. Ich hoffe nur, dass sich unsere Kollegen bald einig werden. Wir müssen den Ort des Finales ausfindig machen und es dann rechtzeitig verhindern.«
Kurz darauf war das Gespräch im Wagen beendet. Lena-Marie stieg als erste aus, wankte zum nächsten Baum, an dem sie sich abstützte und dann mehrfach übergab.
»Ich wette zwanzig Euro auf Mutter Szymański.«, kommentierte Schmidt die seltsame Situation.

(c) 2018, Marco Wittler

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