Fünf Zutaten – Kapitel 7 – Das große Finale

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Nun lagen alle Hinweise auf dem Tisch. Jetzt ging es darum, das Finale, wie es der Rezeptkiller genannt hatte, zu verhindern. Doch wo genau sollte es stattfinden?
Während das Ermittlerteam noch grübelte, klingelte das Telefon. Schmidt nahm den Hörer ab und das Gespräch entgegen.
»Büro Zimmermann, Schmidt hier.«
Er hörte ein paar Sekunden lang dem Anrufer zu.
»Es ist die Pathologie. Sie haben Neuigkeiten für uns.«
Zimmermann blickte aufmerksam hinüber. »Schalten sie den Lautsprecher an. Das will ich hören.«
Schmidt drückte einen Knopf. »Wir hören sie jetzt alle. Sprechen sie bitte weiter.«
»Hallo Zimmermann, Schreiber hier. Ich habe die letzten Infos über eure Hinweise bekommen und versucht, mir einiges zusammen zu reimen. Danach habe ich schnell ein paar Experimente an einem Dummy gemacht. Dabei bin ich jetzt endlich auf die mögliche Tatwaffe gestoßen. Eigentlich lag die Lösung die ganze Zeit vor uns. Wir sind aber nicht darauf gekommen, weil es in der Kriminalgeschichte bisher noch nicht vorgekommen ist. Das Ganze ist so verrückt, dass es Teil eines Romans sein könnte.«
»Verdammt noch mal, Schreiber.«, fluchte Zimmermann. »Uns läuft die Zeit davon. Jetzt kommen sie endlich auf den Punkt.«
»Oh, äh, ja. Tut mir leid. Das macht die ganze Aufregung. Es könnte sein, dass der Täter ein klassisches, rundes Pizzamesser, also einen Pizzaschneider benutzt hat. Der hat keine Zacken, ist völlig glatt. Das würde zu den Wunden passen.«
»Danke. Das hilft uns noch einen Schritt weiter.«
Er gab Schmidt zu verstehen, dass er das Gespräch beenden konnte.
»In Ordnung. Wir haben ein Pizzarezept, einen Pizzaschneider und einen irren Serienkiller, der seine Konkurrenz ausschalten will.
»Wenn hier nicht ein neidischer Pizzabäcker am Werke ist, dann fresse ich einen Besen.«
Schmidt nickte nur, während sich Lena-Marie nicht am Gespräch beteiligte. Sie wirkte irgendwie abwesend, teilnahmslos.
»Wir brauchen eine Liste aller Pizzerien in Hemer und müssen sie alle überwachen. Er wird heute Abend zuschlagen. Das steht fest. Wir werden ihn also schnappen können. Wir müssen nur genau wissen, wo.«
Schmidt war einverstanden. »Ich suche sofort alle Adressen raus und informiere die Jungs und Mädels aus der Wache. Ich werde zusehen, dass wir Verstärkung aus Iserlohn und Menden bekommen und zur Not der Rest aus der Freizeit geholt wird. Jetzt brauchen wir jede Hilfe, die wir bekommen können.«

Der Parkplatz vor der Wache war voll. Einsatzwagen drängte sich an Einsatzwagen. Dazwischen jede Menge uniformierte Beamte. Inspektor Schmidt verteilte gerade die Adressen der Pizzerien, die nun überwacht werden sollten. Fast jeder Polizist und fast jede Polizistin war mit einem Maschinengewehr ausgerüstet.
»Gehen sie mit äußerster Vorsicht vor.«, gab er die letzten Anweisungen durch. »Wir wissen noch nicht, wer unser Täter ist und wo er zuschlägt. Zunächst gehen die unbewaffneten Zivilkollegen in die Restaurants. Sollte etwas passieren, gehen die Einsatzkommandos hinterher.«
»Da bin ich schon einen Schritt weiter. »Ich weiß genau, wer der Täter ist.«
Wollte der Kommissar jetzt doch die Katze aus dem Sack lassen?
»Hat das mit ihrem Gespräch im Auto mit Kollegin Szymański zu tun?«
»Hä? Gespräch? Blödsinn.«, konterte Zimmermann. »Ich habe in allen Pizzerien angerufen. Eine davon hat heute irregulär geschlossen. Und genau das ist unser Mann. Ein Team sollte auf jeden Fall hin fahren und schauen, ob sie Schlimmeres verhindern können. Die anderen machen weiter wie besprochen.«

Szymański und Fiedler betraten in ihrer Freizeitkleidung eine Pizzeria in der Innenstadt. Von der Wache aus hatten sie den Weg zu Fuß zurückgelegt. Das war unauffälliger als ein Wagen, der schon aus zehn Kilometern Entfernung nach Polizei roch. Sie hatten die Arme ineinander gehakt und gaben sich als Pärchen aus.
Sie aßen Pizza, tranken – trotz Dienstzeit – ein Glas Wein und beobachteten jede Person, die herein kam oder das Lokal wieder verließ. Hin und wieder schrieben sie kurze Nachrichten an den Kommissar über die aktuelle Lage.
»Sie wirken den ganzen Abend schon sehr abwesend. Ist alles in Ordnung?«
Fiedler schien sich echte Sorgen zu machen. Aber die Gedanken, mit denen sich Lena-Marie schon seit Stunden beschäftigte, wollten sie einfach nicht zur Ruhe kommen lassen. Das Gespräch mit ihrem Kollegen am letzten Tatort hatte sie zu sehr aufgewühlt. Das konnte sie nicht so einfach wegstecken und verarbeiten. Von einem Moment zum anderen war ihr ganzes Weltbild zerstört worden und in sich zusammen gebrochen. Sie zwang sich zu einem gequälten Lächeln, das mehr als nur unecht wirkte.
»Es ist nichts. Mit mir ist alles in bester Ordnung.«
Sie hob ihr Glas und hielt es Fiedler entgegen.
»Lassen sie uns lieber anstoßen. Wir sollten feiern, dass wir im Dienst trinken dürfen. Das wird bestimmt nicht so schnell wieder vorkommen.«

Zimmermann und Schmidt waren in ihrer üblichen, über mehrere Jahre, erprobten Zusammensetzung geblieben. Als Zweierteam hatten sie genug Erfahrungen gesammelt, um genau zu wissen, wie der andere tickte. Sie konnten sich aufeinander blind verlassen. Sie ergänzten einander perfekt. Und nun saßen sie im Fond ihres Dienstwagens und warteten vor der Wache, dass sich irgendwo in der Stadt etwas Verdächtiges tat. Die Frage war nur, in welchem Stadtteil der Rezeptmörder zuschlagen würde. Die hemeraner Innenstadt wäre perfekt gewesen. Dort war alles für die Einsatzkräfte schnell erreichbar. Westig und Deilinghofen waren auch innerhalb von wenigen Minuten denkbar. Würde das Finale in Ihmert steigen, konnte wertvolle Zeit verschwendet werden.
Schmidt, der hinter dem Steuer saß, hatte ein Tablet vor sich auf das Lenkrad gelegt und checkte sekündlich die neu eintreffenden Nachrichten.
»Bis jetzt ist alles ruhig. Ich habe nur vereinzelte Sichtungen von Personen, die sich dann aber als harmlos herausstellten. Bisher wurden die Pizzerien nur von Paaren und Gruppen betreten oder von einzelnen Männern, die eine Bestellung abholten. Noch passiert nichts.«
Zimmermann wurde langsam auf dem Beifahrersitz nervös. Er trommelte mit den Fingern der rechten Hand auf die Türverkleidung. Auch er knabberte an seiner inneren Unruhe. Das Gespräch vor ein paar Stunden hatte ihn verwirrt. Es hatte sein Leben verändert. Noch wusste er nicht, in welche Richtung es sich weiter entwickeln würde. Er wusste nur eines: große Veränderungen standen kurzfristig ins Haus.
»Hier kommt gerade ein Anfangsverdacht. Eine Einzelperson hat eine Pizzeria betreten und sich an einen Tisch gesetzt.«
»Das ist er!«
Zimmermann war sich sicher.
»Noch ist es nur eine Vermutung. Wir können deswegen nicht gleich die Kavallerie losschicken. Das wäre zu früh. Das würde die ganze Operation gefährden.«
»Und wenn er es am Ende doch ist und wir zu spät kommen?«
»Unsere Leute beobachten ihn und melden sich, sobald er sich verdächtig verhält.«
Zimmermann wusste, dass Schmidt recht hatte. Trotzdem beschlich ihn das ungute Gefühl, dass sie wertvolle Zeit verschwendeten, was sich an Ende rächen konnte.
»Der Mann bestellt nichts zu Essen. Er nimmt nur einen Wein. Zugleich ist er auch unfreundlich zur Bedienung.«
Nun warf Zimmermann einen grimmigen Blick auf seinen Kollegen.
»Okay, Chef. Ich denke, sie könnten recht haben.«
»Dann los. Fahren wir hin. Wo ist er?«
Schmidt übergab das Tablet an den Kommissar startete den Motor und fuhr los.
»Innenstadt, nähe Sparkasse.«
Zimmermann überflog seine Liste. Ihm stockte der Atem. »Aber dort …«
Ein Ping im Tablet lenkte ihn ab. »Es geht los. Unser Mann schlägt gerade zu.«
Er drückte Schmidts Bein fest gegen das Gaspedal.
»Verdammt, was soll das?«
»Wir müssen uns beeilen. In der Pizzeria sitzt meine Tochter.«

Schmidt verstand die Welt nicht mehr. Tochter? Welche Tochter? Seines Wissens nach hatte der Kommissar nie eigene Kinder gehabt. Woher nun diese plötzliche Wende? Und was hatte diese Tochter mit dieser Sache zu tun?
Sie hielten vor der Pizzeria und sprangen aus dem Wagen. Beide zogen ihre Dienstwaffen und gingen hinter den Türen in Deckung.
Im Eingang stand ein Mann mit einer Geisel. Es war eine kleine, junge Frau mit kurzen, feuerroten Haaren. Er hielt ihr einen Pizzaschneider an den Hals.
»Scheiße!«, brüllte Zimmermann. »Verdammte Scheiße! Er hat Lena-Marie.«
»Los! Verschwindet, ihr scheiß Bullen. Wenn ihr nicht in einer Minute verschwunden seit, stirbt dieses Mädchen als Erste.«
Zimmermann stand auf, kam aus seiner Deckung und richtete seine Waffe auf den Kopf des Mörders.
»Lass das Mädchen los, Arschloch. Krümmst du meiner Tochter auch nur ein einziges Haar, kannst du deine Rübe von der Tür kratzen.«
Schmidt erstarrte. Nicht nur wegen Zimmermanns offensivem Verhalten, sondern auch wegen der unerwarteten Wendung der Dinge. Tochter? Wie konnte das sein?
»Verschwinde, oder ich bringe sie um.«
Zimmermann schüttelte den Kopf und ging noch ein paar Schritte näher an den Geiselnehmer heran.
»Es ist vorbei. Wirf den Pizzaschneider weg und lass mein Mädchen gehen. Dann können wir über alles reden.«
Der Attentäter lachte wie ein Irrer.
»Es spielt keine Rolle mehr. Es wird Tote geben. Schon in ein paar Minuten. Die Bombe ist scharf und wird explodieren. Ihr könnt mich nicht aufhalten. Ich bestrafe jetzt diese elende Billigbude, die mit Fertigzutaten mein, ernsthafte Pizzabäcker wie mich zu ruinieren.
Das ist meine Rache. Aber vorher ist die Kleine dran. Wird mir eine Freude sein, ihrem alten Herrn eine Sondervorstellung zu geben.«
Er drückte seine Waffe fester gegen Lena-Maries Kehle und grinste hämisch.
»Es tut mir so leid.«, flüsterte Zimmermann vor sich hin. Eine Träne lief seine Wange herab. Dann drückte er ab. Sechs Schüsse hallten durch die Straße.
Der Pizzabäcker ließ den Schneider aus der Hand fallen. Vor Schreck und Panik fuhr er sich über den Kopf, tastete ihn rundherum am. Aber da war nichts. Diesen kurzen Moment der Unaufmerksamkeit nutzte Lena-Marie und rammte ihren Ellbogen in die Magengrube ihre Peinigers. Der sackte in sich zusammen und blieb wimmernd liegen.
»Ich kümmer mich um die Bombe.«
Schon war die Kommissarin in der Pizzeria verschwunden und kam nur Sekunden später mit einem kleinen Karton wieder heraus. Sie übergab die Bombe ein paar Kollegen und lief dann zu Zimmermann, der sie fest in die Arme schloss.
»Es ist vorbei.«, gab er leise von sich. »Es ist endlich vorbei.«
Dann weinten sie beide vor Erleichterung.

Sie hatten sich ein paar Tage Auszeit genommen. Zimmermann hatte seine Kollegen zu sich nach Hause eingeladen. Nun saßen sie zu dritt auf seinem Balkon, tranken Bier aus Flaschen und genossen den Sonnenuntergang.
»Ist es nicht komisch, wie das Leben so spielt?«, sinnierte der alte Kommissar melancholisch.
»Wir bekommen eine neue Kollegin zugeteilt und am Ende bin ich plötzlich Vater einer erwachsenen Frau.«
Schmidt konnte es noch immer nicht glauben. »Wie haben sie das herausgefunden?«
»Das Rezept, Schmidt. Es war das Rezept. Meine Ex hat genau so ihren Pizzateig angerührt, Lenas Mutter auch. Ist selten, dass man einen Schluck Milch nimmt. Der Rest war einfach Kombination. Meine Ex war eine gebürtige Szymański. Polnische Schreibweise wissen, sie? Nicht die Deutsche, wie bei unserem TV-Kollegen aus Duisburg, wie ich zuerst dachte.
Als wir dann am fünften Tatort im Wagen saßen, haben wir die Fäden zusammengeführt.«
»Meine Mutter hat sich von meinem Vater getrennt. Kurz danach hat sie gemerkt, dass sie schwanger war. Nach der Scheidung nahm sie ihren Mädchennamen wieder an und hat mich allein aufgezogen. Von meinem Vater hat sie nie erzählt. Ich habe auch nie gefragt. Aber jetzt bin ich glücklich, dass ich ihn gefunden habe.«
Lena-Marie drückte Zimmermanns Hand und lächelte ihn an. »Ich bin schon gespannt, was wir uns alles zu erzählen haben.«
Der Kommissar stand auf und lehnte sich an die Brüstung des Balkons. Er nahm seinen Dienstausweis aus der Hosentasche und betrachtete ihn von allen Seiten.
»Leute, ich bin müde. Ich bin es müde, immer den Verbrechern nachzustellen, ständig mein Leben zu riskieren. Ich kann das nicht mehr. Vor allem kann ich es jetzt nicht mehr. Ich bin ein Vater und habe Verantwortung. Ich glaube, es wird Zeit, meinen Job an den Nagel zu hängen. Die nächste Generation ist bereit, mich abzulösen.«
Er nahm einen großen Schluck seines Biers und seufzte.
»In ein paar Monaten werde ich den Dienst quittieren. Ich freue mich schon auf ein ruhigeres Leben als Pensionär.«

(c) 2018, Marco Wittler

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