Stille (Meer-Zyklus, Teil 1)

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Stille (Meer-Zyklus) – Teil 1

langsam beginnt die sonne den himmel zu erobern.
kleine wellen plätschern leise durch das hafenbecken.
die schiffe liegen schlafend am kai.
der erste sonnenstrahl des tages klettert am horizont empor
und spiegelt sich in den beschlägen des mastes.
ganz leise, fast unhörbar, trägt der wind das kreischen einer möwe an mein ohr.
mein auge schweift über die unendlichen weiten,
hält vergeblich ausschau nach der grenze zwischen himmel und meer.
alles ist so friedlich.
die sonne steigt weiter empor, langsam wird es heller.
die letzten überreste der nacht verblassen nach und nach.
langsam erwacht das leben um mich herum.
ein entpärchen watschelt an mir vorbei und quakt mir einen guten morgen.
die möwen ziehen ihre kreise über mir.
aus einem der schiffe weht ein hauch von kaffee vorbei.
die ersten seemänner kommen aus den schiffsbäuchen empor,
strecken sich in der wärmenden sonne
und nehmen einen tiefen atemzug der frischen morgenbrise.
der tag hat begonnen.
die seeleute holen bänke und tische heran,
es wird zeit, sich für den tag zu stärken.
ein breitschultriger smutje bringt körbeweise brot und wurst.
große krüge kaffee machen die runde.
überall hört man reden und gelächter.
ein alter seebär gesellt sich zu ihnen,
beginnt sein seemannsgarn zu spinnen.
er berichtet von seeungeheuern und wildesten stürmen
doch wahre seeleute nehmen’s auch damit auf.
die Stille der nacht ist nun vorbei.
der alte beginnt zu erzählen.
ich lausche aufmerksam seinen worten.
es war vor langer, langer zeit,
während einer weiten, weiten fahrt.
der himmel verdunkelte sich
und blitze zuckten durch den himmel.
in kurzen augenblicken des lichts
konnten sie es alle sehen.
ein seemonster groß wie ein haus
und es verschlang ein ganzes schiff.
wieder höre ich lautes lachen.
„he, alterchen, nimm noch ’nen schluck.“
rufen sie und schenken weiter ein.
doch der seebär ruft,
„ihr werdet’s sehen und erleben.
höret auf meine worte.“ und geht vom schiff.
langsam geht das frühstücksmahl zu ende.
tische werden abgeräumt, der smutje geht vom deck.
die matrosen trotten zu ihren posten.
sie sind zum auslaufen bereit.
überall im hafen werden anker gelichtet.
die schiffe richten den bug zum meer.
sie fahren langsam durch das dasser,
ziehen gemächlich an mir vorbei.
die seeleute stimmen an zum gesang.
sie ziehen die segel hoch,
verschwinden langsam hinterm horizont.
ich schaue ihnen lange nach
und fange an zu träumen.
ich wäre gerne mitgefahren.

(c) 2000, Marco Wittler

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