Stille (Meer-Zyklus, Teil 2)

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Stille (Meer-Zyklus) – Teil 2

mein weg führt mich ans meer
ich gehe an den strand
gehe über den sand zum ufer
sanft umspült kühles wasser meine füße
am horizont ein kleines fischerboot seine runden zieht

ich setze mich
schließe meine augen
lausche den klängen des meeres, der natur
ich liebe diesen ort
und fange an zu träumen

ich bin auf einem schiff
überall herrscht reges treiben
segel hissen
seile ordnen
bereit halten für den großen fang

die seeleute singen
der kapitän lässt sein auge über sie schweifen
der smutje kocht den fisch
ein kleiner schiffsjunge
spielt für sie musik

das leise kreischen einer möwe
berührt sanft mein ohr
das rauschen der wellen
wird lauter kommt näher
ich öffne meine augen

langsam stehe ich auf
gehe wieder den strand entlang
es gibt so vieles zu sehen
in allem, überall um mich
stecken kleine wunder

langsam weicht der strand zurück
es wird felsiger unter meinen füssen
hier ein brocken, da ein fels
ein großer flacher stein
lädt zum sitzen ein

ich nehme gerne platz
wieder wandern meine augen
sie erblicken einen felsen
mitten in der brandung steht er
umspült vom meer und den gezeiten

mir ist so
als könnte ich ihn hören
sein klagen verstehen
über seine angst
seine angst vor der brandung

das meer nagt an ihm
an jedem tag ihm jahr
mal ganz sanft, ohne das er’s spürt
mal so heftig, das er bibbert
aus angst den halt zu verlier’n

das meer interessiert das nicht
es mahlt munter an ihm weiter
und wartet schon auf den nächsten sturm
nur um erneut über ihn herein zu brechen
und sein fundament zu fressen

und wie ich so in gedanken hänge
nähert sich uns ein mann
er lächelt uns entgegen
sagt kein wort
und geht auf den felsen zu

es ist grad‘ ebbe
der felsen ist vom wasser frei
und zeigt sein geschundenes fundament
der mann betrachtet es
holt dann eine tasche hervor

aus ihr holt er ein paar dinge
ein flasche wasser, einen becher
einen löffel und ein messer
einen spachtel und zement
und fängt an zu wirken

er rührt den zement
und trägt ihn auf
schicht für schicht
um den felsen zu stärken
gegen die rohe kraft des meeres

dann steht er auf
geht um den felsen
betrachtet sein werk
füllt wieder seine tasche
legt zum abschied seine hand auf ihn

er kommt zum strand
lächelt mich wieder an
und geht, ohne ein wort
weiter seinen weg entlang
bis ich ihn nicht mehr sehen kann

die sonne zieht weiter ihre runde
ich stehe wieder auf
mache mich wieder auf den rückweg
begleitet vom meeresrauschen, den möwen
und meinen gedanken

der feuchte sand knirscht unter meinen füssen
hin und wieder piekt mich eine muschel
kleine krebse kreuzen meinen weg
laufen schnell zurück ins meer
der tag neigt sich zum ende

ich geh‘ zurück zum hafen
sinne noch ein wenig über alles nach
der erste leuchtturm sendet schon sein licht
die sonne nähert sich dem horizont
ich setze mich und warte

(c) 2000, Marco Wittler

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