Zimmermann ermittelt (38) – Fünf Zutaten (gekürzte Fassung)

Die Neue

Kommissar Zimmermann saß am frühen Morgen in seiner Küche am Tisch und genoss seinen frisch aufgebrühten Kaffee.
»Herrlich, ein Kaffee, so schwarz wie Peter Pans Schatten, wenn er denn mal da ist. So fängt ein freier Tag gut an.«
Doch dann klingelte es an der Wohnungstür.
»Ach, verdammt. Und schon ist die Stimmung im Eimer. Ab jetzt kann es nur noch bergab gehen.«
Er stand auf, schlurfte in den Flur und öffnete die Tür. Davor stand ein junger Mann in Uniform.
»Na wunderbar. Die Polizei. Womit habe ich das jetzt noch verdient?«
Der noch junge Beamte wurde sofort rot im Gesicht und fühlte sich gleich zur falschen Zeit am falschen Ort.
»Na gut. Kommen sie rein.«
Zimmermann führte ihn in die Küche.
»Setzen sie sich.«
Der Polizist nahm Platz,brachte dann aber kein einziges Wort heraus.
»Sie sind neu hier in der Stadt, hm?«
Der Beamte nickte.
»Und die Kollegen haben ihnen bestimmt vorher gesagt, wie schwierig und grantig ich wäre, richtig?«
Ein erneutes Nicken folgte.
»Ach je. Was soll ich dazu sagen? Jedes Mal das Gleiche. Irgendwie hat es sich schon eine ganze Weile eingebürgert, dass man mir die Frischlinge schickt. Mein Junge, sie haben dich verarscht. Komm, wir trinken erstmal einen ordentlichen Kaffee.«
»Vielen Dank, Herr Kommissar.«, kamen nun die die ersten Worte über die Lippen des Polizisten. »Jetzt geht es mir schon sehr viel besser.«
Der Kommissar stellte eine zweite Tasse auf den Tisch.
»Glaub mir, dass hier ist ein richtig guter Kaffee. Einen besseren wirst du in der ganzen Stadt nicht finden, egal was man dir auch erzählen mag.«
»Und jetzt zu dir. Wer bist du und warum hat man dich zu mir geschickt?D
»Mein Name ist Lars Fiedler. Ich bin erst seit zwei Tagen hier im Dienst. Ich sollte ihnen nur eine kurze Nachricht überbringen. Man erwartet sie im Kommissariat. Dort gibt es Neuigkeiten. Welche weiß ich nicht, das hat man mir nicht mitgeteilt.«
»Und warum muss man dann extra einen Frischling von der Innenstadt nach Deilinghofen schicken? Ist doch reine Zeit- und Spritverschwendung.«
»Die Kollegen konnten sie leider nicht erreichen.«
Zimmermann grinste, holte sein Handy aus der Bademanteltasche und legte es auf den Tisch.
»Liegt wohl daran, dass ich das nervige Teil an meinen freien Tagen immer abschalte.«

Zehn Minuten später stand der Kommissar in seinem Büro und kochte vor Wut. Man hatte, ohne ihn vorher zu informieren, sein Ermittlerteam um eine Person vergrößert.
»Eine FRAU?«
Zimmermann lief rot an. »Die wollen uns hier wirklich eine Frau mit ins Büro setzen? Wer ist denn auf diese bescheuerte Idee gekommen?«
In diesem Moment klopfte es an der Bürotür. Schmidt sprang auf und ging zur Tür.
»Wir bekommen übrigens das größere Büro gegenüber. Da werden wir uns zu dritt bestimmt richtig wohl fühlen.«
Und da war sie. Sie war eine relativ junge Frau, klein, zierlich, mit einer wilden, roten Strubbelfrisur auf dem Kopf und unzähligen Sommersprossen im Gesicht.
»Das ist Kommissar Zimmermann, der fähigste Mann in unserem Kommissariat.«, sagte Schmidt, der die Neue schon kennengelernt hatte.
»Freut mich, sich kennenzulernen. Ich bin Kommissarin Lena-Marie Szymański.«
Sie streckte ihm die Hand entgegen, die Zimmermann nur zögerlich ergriff.
»Ich kann es nicht glauben. Jetzt schicken sie uns schon junge Dinger, die grade mal das Abitur in der Tasche haben.«
Szymański verzog das Gesicht. »Eigentlich würde ich es als Kompliment ansehen, wenn sie mich so jung einschätzen. Aber ich denke, dass sie eher meine Kompetenzen anzweifeln. Ich bin einunddreißig Jahre alt und habe in meinem letzten Kommissariat schon genug Erfahrungen sammeln dürfen, um meinen Job zur Zufriedenheit aller erledigen zu können.«
»Neues Büro haben sie gesagt, Schmidt?«
Ist vielleicht einen Versuch wert. An allem kann man auch die eine oder andere gute Seite finden.«
Er besah sich noch einmal die neue Kollegin.
»Schimanski, hm? Ein echt schlechter Scherz.«

Am nächsten Morgen betrat Schmidt das erste Mal das neue Büro. Schon draußen hatte er den Chef brüllen hören.
»Stellen sie sich das mal vor. Das Frauenzimmer hat es gewagt, meine Tasse zu spülen. Das hat sich zuletzt jemand vor zehn Jahren getraut und hat es bitter bereut. Jetzt ist der ganze gute Geschmack weg. Das wird mich viel Arbeit kosten, bis mir unser Kaffee wieder schmeckt.«
Schmidt grinste verlegen, hatte er doch glatt vergessen, der neuen Kollegin die spezielle Verbindung des Kommissars zu seinem Kaffee zu erklären.
»Ich, äh … das tut mir wirklich leid. Das kommt auch bestimmt nicht wieder vor.«
Lena-Marie war rot im Gesicht. So hatte sie sich den ersten Arbeitstag bestimmt nicht vorgestellt. »Ich kümmere mich sofort um einen neuen Kaffee. Und der wird sie umhauen. Das verspreche ich. Kaffee ist nämlich eine meiner großen Leidenschaften. Es geht nichts über eine gesunde Portion Koffein, mit der man in den Tag startet.«
Schnellen Schrittes ging sie zur Kaffeemaschine und machte sich an die Arbeit.

Die erste Zutat

Das Telefon klingelte. Schmidt nahm den Anruf entgegen und machte sich sofort Notizen. Ein paar Minuten später verfinsterte sich sein Blick.
»Wir haben einen neuen Fall. In Riemke ist eine Leiche gefunden worden.
Zimmermann und Szymański seufzten zeitgleich, tranken den Rest Kaffee in einem Zug aus und stellten ihre Becher ab.
»Gehen wir.«

Kurz darauf erreichten sie den Tatort. Zimmermann schnappte sich sofort einen Polizisten.
»Okay, Leute. Die Kripo ist da. Wer erzählt mir, was passiert ist?«
Wachtmeister Fiedler stand die Nervosität buchstäblich ins Gesicht geschrieben.
»Ähm, ja, also … Wie soll ich sagen? Ein Jogger, äh … also … naja, hier war halt so ein Typ unterwegs und … ja … er ist auf einen toten Menschen gestoßen.«
Er atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen. Zimmermann wurde ungeduldig.
»Soll das alles sein? Ich brauche Fakten, Mann.«
Lena-Marie schob sich nach vorn und gab ihrem Kollegen zu verstehen, Ruhe zu bewahren. Sie nahm Fiedler ein Stück zur Seite, legte ihm die Hand auf die für sie viel zu hohe Schulter und sprach ihn mit sanften Worten an.
»Ist schon gut. Ich weiß, wie sie sich fühlen. Ist das erste Mal, richtig?«
Fiedler nickte hektisch. Dann drehte er sich zur Seite und übergab sich mehrfach, bis nichts mehr aus ihm heraus kam.
»Schwarzbrot mit Käse und Ei, stimmt’s?«, riet Lena-Marie und drückte ihm ein Taschentuch in die Hand. Fiedler wischte sich damit den Mund ab und mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen.
»Ja, richtig. Oh Gott, ist mir das peinlich. Das ist mir noch nie passiert.«
»Ist schon gut. Das ist uns allen schon passiert.«
Schmidt nickte verschämt. Zimmermann schüttelte den Kopf. Doch nach einen bösen Blick seiner Kollegin, nickte auch er einmal kurz und verdrehte die Augen.
»Ich bin an meinem ersten Tatort umgekippt. Das war ziemlich peinlich. Aber man gewöhnt sich irgendwann daran. Geht es wieder?«
Fiedler nickte und holte tief Luft.
»Der Zeuge war vorhin joggen. Er macht das jeden Tag zur gleichen Zeit, bei jedem Wetter. Der Tote kann also maximal 24 Stunden hier liegen.«
»Darum kümmert sich dann unser Pathologe. Der wird den Todeszeitpunkt ziemlich feststellen können.«, mischte sich Zimmermann kurz ein.
»Der Mörder hat sehr brutal zugeschlagen. Dem Opfer wurde die Kehle durchschnitten. Überall ist Blut. Die Lache ist riesig.«
»Okay. Wir schauen uns das jetzt selbst an.«, bedankte sich Zimmermann.
»Eines noch.«, ergänzte Fiedler. »Der Mörder hat sein Opfer mit einem unbekannten, weißen Pulver bestreut.«
»In Ordnung. Das finden wir noch heraus.«
Zimmermann warf einen Blick auf seinen Kaffeebecher, der noch zur Hälfte gefüllt war und drückte diesen Fiedler in die Hand.
»Hier mein Junge. Trink das. Das bringt dich wieder auf die Beine.«
Sie gingen zur Leiche und sahen sich alles genau an. Der Körper war zu einem großen Teil mit Blut besudelt. Teilweise hatte sich das erwähnte weiße Pulver damit vermischt, teilweise lag unberührt es auf der trockenen Kleidung und dem Boden.
Zimmermann nahm mit dem Finger eine Probe auf, roch daran und probierte sie schließlich.
»Sind sie sicher, dass das eine gute Idee ist?«, kam es von Szymański. »Vielleicht sollten sich die Kollegen der Spurensicherung damit befassen. Das ist ungefährlicher. Das könnte doch …«
Schmidt stieß sie sanft mit dem Ellenbogen in die Seite und schüttelte den Kopf. »Hat keinen Sinn.«
»Mehl. Ganz einfaches und schlichtes Mehl. Typ 405 würde ich schätzen.«
Lena-Marie war sichtlich erleichtert, dass sich er Kommissar nicht vergiftet hatte. »Aber woher wissen sie so genau, welches Mehl das ist? Können sie das wirklich schmecken?«
»Schmecken? Nein. Auf keinen Fall. Aber es steht auf der Verpackung, die da unter dem Busch liegt.«
Er durchsuchte die Taschen des Toten. Neben der Brieftasche fand er auch noch einen gefalteten Zettel.
»Hugo Bremer. 45 Jahre alt, wohnhaft hier im Dorf.«
Dann entfaltete er das Papier und las laut vor, was darauf stand.
»Es braucht fünf gute Zutaten, die den Erfolg eines schmackhaften Rezepts ausmachen. Nur fünf gute Zutaten, die entscheiden zwischen Qualität und billigen Mist. Du hast dich für den Mist entschieden und trägst dafür die Konsequenzen. Von der ersten reicht schon ein gutes Pfund.
Du bist nur der Erste auf meiner Liste. Andere werden dir folgen.«
»Da ist unser Hinweis. Jetzt liegt es an uns, den passenden Täter zu finden.«

Im Büro brütete das Ermittlerteam über den Fakten und war sehr frustriert. Viel hatten sie nicht herausfinden können. Zimmermann war sauer.
»Wir stehen also vor einem großen Nichts. Wir haben keine Hinweise, die uns zum Täter führen. Also müssen wir warten, dass der Kerl ein neues Opfer findet. Ich kann es nicht leiden, wenn Menschen in meiner Stadt gefährdet sind und wir sie nicht beschützen können. Er sah auf die Liste an der großen Wandtafel. Fünf Zutaten‘ stand dort und darunter 500 Gramm Mehl.
»Unser Täter hat ein Rezept im Kopf. Das ist unser einziger Hinweis. Er hat mit Mehl angefangen. Beim nächsten Tatort wird es etwas anderes sein. Vielleicht kriegen wir ihn darüber. Je mehr er uns hinterlässt, desto enger zieht sich der Kreis. Das klingt zwar makaber, aber das ist bis jetzt unser einziger Weg.«

Die zweite Zutat

Das Telefon unterbrach die Stille im Büro. Schmidt nahm den Anruf entgegen, während ihn die beiden Kommissare gebannt ansahen. Kurz darauf war es zur Gewissheit geworden. Eine weitere Leiche des Serienkillers war in Apricke gefunden worden.

»Michaela Walters, 61 Jahre alt, hat hier in Apricke gelebt. Zwei Kollegen sind bereits bei ihrem Mann, um die traurige Nachricht zu überbringen.«, erklärte Wachtmeister Fiedler.
»Auch ihr wurde die Kehle durchtrennt. Wir gehen davon aus, dass sie in der Nacht getötet wurde. Den ganzen Morgen war die Leiche von einem aufgefalteten Karton verdeckt gewesen. Erst als ein Autofahrer den Karton touchiert hat, fiel dieser um und gab das grausame Bild frei.«
Zimmermann zog sich Gummihandschuhe über und sah sich vorsichtig um. Es war nicht einfach, etwas zu sehen. Der Kopf steckte im Wasser. Nur mit Mühe und Not war die große Wunde im Hals zu sehen.
Er machte sich an der Handtasche zu schaffen. Er suchte nach dem Hinweis und wurde auch schnell fündig. »Da ist er schon.«
Er las den Zettel vor. »Wasser gehört hinein, Wasser für ein richtig gutes Rezept. Nicht so viel, wie in deiner Lunge, aber ein guter Viertelliter wird schon reichen. Wer aber ein richtig gutes Rezept ablehnt und sich mit weniger zufrieden gibt, verdient den Tod. Und zu diesen Menschen gehörst du. Damit bist du nun die Nummer Zwei. Drei Weitere werden dir noch folgen.«
Er schnaufte leise. »Ein Pfund Mehl und ein Viertelliter Wasser. Verdammt, was will uns dieser Verrückte damit nur sagen? Was steckt hinter diesem Rezept? Mit Wasser und Mehl kann man so ziemlich alles machen. Zum Kotzen ist das.«
»Kuchen!«, sagte der Wachtmeister. »In einen guten Kuchen gehört Milch, kein Wasser. Der scheidet also schonmal aus.«
Zimmermann wandte sich hilflos an den Rest seines Teams.
»Das ist immer noch nicht viel. Aber zumindest ein kleine Richtung. Wir fahren zurück ins Büro und schauen, was wir damit anfangen können. Wir müssen auf jeden Fall verhindern, dass die Presse davon Wind bekommt, ist das klar? Wenn die Bevölkerung erfährt, dass hier ein Serienkiller sich hier austobt, haben wir eine Massenpanik.«

Die dritte Zutat

Eine Woche war ins Land gegangen seit dem letzten Mordfall. Wenn der Killer sich an das Gesetz der Serie hielt, würde er nach zwei Montagen auch dieses Mal wieder an diesem Tag zuschlagen. Und so kam es dann auch. Die drei Ermittler – Zimmermann, Szymański und Schmidt hatten den ganzen Tag auf den Anruf aus der Wache gewartet. Nun war es so weit. Kurz darauf waren sie auf dem Weg zum Tatort.
Schmidt steuerte den Dienstwagen nach Brockhausen. Offensichtlich beschränkte sich der Rezeptkiller auf die Dörfer im Osten der Stadt. Die Frage war nur, ob er hier lebte oder ob es sonst noch irgendwelche Verbindungen zu diesen Ortsteilen gab.
Wachtmeister Fiedler wartete bereits auf die Leute der Kripo, um seine ersten Erkenntnisse weitergeben zu können.
»Marco Holzmann, 26 Jahre alt, gebürtiger Brockhauser.
Auch dieser dritte Tote hat eine durchtrennte Kehle. Tatwaffe nicht auffindbar. Wir haben darauf geachtet, keine Spuren zu zerstören, deswegen haben wir auch noch keine weitere Zutat gefunden.«
Zimmermann war mittlerweile voll in seinem Element. Der Tote lag vor ihm mit dem Gesicht nach unten auf dem weichen Waldboden, unweit des alten Haus Märchenwald, das mittlerweile zu einem Mehrfamilienhaus umgebaut worden war.
Die tödliche Verletzung war gut zu erkennen, auch ohne den Toten auf den Rücken zu drehen. Der Schnitt ging fast von einem Ohr zum anderen.
Vorsichtig durchsuchte Zimmermann die Taschen des Toten. Bis auf ein paar Münzen, einem Kaugummi und einem Kondom war nicht viel zu finden.
»So komme ich nicht weiter. Ich drehe ihn um. Habt ihr bereits Fotos gemacht?«
Fiedler bejahte, Zimmermann griff zu und drehte das Opfer um. Die Wunde war bereits dick verkrustet.
»Na, wo steckst du? Irgendwo musst du doch sein.«
In der Jackeninnentasche wurde der Kommissar schließlich fündig.
»Da ist der Brief. Jetzt haben wir einen neuen Hinweis. Aber wo ist die dritte Zutat? Die hat er doch unmöglich vergessen. Oder hat in der Zeit ein Tier alles gefressen?«
Er faltete den kurzen Brief auseinander und las.
»Ein gutes Rezept, ein wirklich richtig gutes Rezept, braucht, wie wir alle wissen, fünf Zutaten. Nicht mehr und nicht weniger. Das reicht völlig aus. Wenn man sich darauf verlässt, schmeckt es einfach gut. Wer aber seine Geschmacksknospen mit Fertigmüll abtötet, tötet sich selbst. Damit es etwas schneller geht, helfe ich gerne. Ein schneller Schnitt, dann ists vorbei. Hättest du mal etwas Gutes zu dir genommen. Aber nun ists ja zu spät. Der Würfel wird dich auf ewig daran erinnern, dass du als Dritter diese Welt verlassen hast.«
Zimmermann hätte den Zettel nur zu gern vor Wut zerknüllt. Aber so ging man nicht mit Beweismitteln um.
»Verdammt. Was soll das? Was für einen Würfel meint der Mistkerl?«
»Haben sie schon einen Blick in den Mund geworfen?«
Lena-Marie hatte sich bereits Handschuhe übergezogen und hockte sich nun gegenüber ihres Kollegen neben die Leiche. Mit einem geübten Griff zog sie den Unterkiefer herunter und fühlte mit dem Zeigefinger in die Mundhöhle hinein.
»Kein Würfel. Dafür nur jede Menge von irgendeinem weichen Schmodder. Der ganze Mund ist voll davon.«
Sie zog den Finger wieder heraus und sah ihn sich an. Er war mit einer grauen, undefinierbaren Masse beschmiert.
»Also, wenn das mal ein Würfel war, dann hat er sich mittlerweile aufgelöst – was auch immer das gewesen ist. Dieses Mal war unser Freak nicht so großzügig mit seiner Zutat.«
Sie roch an der Masse und verzog sofort das Gesicht.
»Riecht irgendwie nach schalem Bier und auch wieder nicht.«
Sie hielt Zimmermann den Finger hin, der kräftig einatmete.
»Hefe. Ganz eindeutig. Das war mal ein Würfel Frischhefe. Bei der Menge würde ich sogar von Zwei oder Drei ausgehen.«
Er ging die Liste der bisherigen Zutaten durch. »Ein Pfund Mehl, ein Viertelliter Wasser, ein Würfel Hefe. Also irgendein Gebäck. Aber welcher Bäcker arbeitet denn mit Wasser? Überall kommt Milch rein. So weit waren wir doch schon. Ich werd einfach nicht schlau daraus.«
Er sah seine Kollegin an. Doch auch sie zuckte mit den Schultern.
»Ich kann weder kochen, noch backen. Erwarten sie von mir also bitte keine plötzliche Erleuchtung.«

Die vierte Zutat

Am nächsten Montag Morgen klingelte das Telefon bereits Sturm, als das dreiköpfige Ermittlerteam das Büro betrat.
»Zimmermann hier, was gibt‘s? … Ja, ist gut. Wir machen uns sofort auf den Weg.«
Er holte seine Dienstwaffe aus dem Bürosafe und steckte sie in das Holster unter seinem Mantel.
»Leiche Nummer Vier ist gefunden worden. Auf geht‘s.«
Dieses Mal ging es wieder Richtung Brockhausen. Das Ziel lag allerdings ein Stück dahinter. Kurz vor dem ehemaligen Rittersitz Gut Bäingsen hielten sie an einem Teich.
»Schau an, wieder Wachtmeister Fiedler. Man könnte glatt auf den Gedanken kommen, dass sie der gesuchte Mörder sind. Feuer legende Feuerwehrmänner sind auch immer bei den Löscharbeiten dabei.«
Fiedler wurde blass.
»Das war ein Scherz, Mann. Was wissen sie bis jetzt?«
»Wie sie selbst sehen, treibt eine Frauenleiche im Wasser. Wir haben sie nur noch nicht geborgen.«
Lena-Marie seufzte. »Sind sie wirklich so wasserscheu? Da muss also erst eine Frau kommen, dass es hier weiter geht.«
Sie stieg ins Wasser und war schnell bis zur Hüfte verschwunden. »Ist tiefer als ich dachte.«
»Sie sind ja auch kleiner als alle anderen hier.«, rief ihr Zimmermann zu. »Das hätte der große Fiedler machen sollen..«
»Dann müssten wir mit den Ermittlungen aber noch bis Morgen warten.«
Szymański griff nun die Leiche an den Schultern und zog sie dann rückwärts ans Ufer.
Nun waren auch Zimmermann und Schmidt am Ufer und zogen die Tote aufs Trockene.
»Eine sehr junge Frau. Vielleicht 18 bis 20 Jahre alt, wenn sie überhaupt schon volljährig ist.«
Zimmermann hielt sich nicht lange mit den offensichtlichen Hinweisen auf, die sie eh schon alle kannten. Er suchte nach der vierten Zutat und dem passenden Brief.
»Hoffentlich sind die Sachen unversehrt und nicht vom Wasser zerstört.«
Der gefaltete Zettel steckte in einem kleinen Druckverschlussbeutel, die Zutat war ein kleines, verschlossenes Becherchen Kondensmilch, wie es sie in fast jedem Café gab.
»Hä? Kondensmilch? Wer kocht oder backt denn damit? Das macht doch keinen Sinn.«
Also entnahm Zimmermann dem Beutel den Brief, faltete ihn auf und las, was geschrieben stand.
»Fünf Zutaten braucht es für ein gutes, ein wirklich richtig gutes Rezept. Einfach nur fünf Zutaten. Warum will das eigentlich niemand verstehen? Aber ihr fresst lieber Fertigzeugs.
Für diese Unverschämtheit sollt ihr alle verrecken. euer Blut soll die Welt besudeln. Wäre ich ein Metzger würde ich es zu guter Blutwurst verarbeiten. Aber das ist nicht meine Aufgabe. Ich arbeite lieber mit guter, frischer Milch. Es braucht auch gar nicht viel. Ein Schluck reicht mir schon. Damit wird es ein gutes Rezept.
Doch davon hast du nichts mehr, denn nun bist du meine Nummer Vier. Nach dir kommt nur noch einer. Dann steigt das große Finale.«
Szymański wiederholte noch einmal. »Fünf Zutaten: 500 Gramm Mehl, 250 Milliliter Wasser, ein Würfel Hefe und jetzt noch einen Schluck Kondensmilch. Seltsames Rezept. Ich verstehe es immer noch nicht. Und was meint er mit dem großen Finale? Was will er uns damit sagen? Kommt dann ein groß angelegter Massenmord?«

Die fünfte Zutat

Das Ermittlerteam saß im Büro und brütete über den bisherigen Erkenntnissen.
»Wir wissen ja nicht mal, welche Tatwaffe er benutzt hat. Vier saubere, lange Schnitte durch die Kehle, aber die Pathologie hat kein Schnittmuster gefunden, das zu einer bekannten Messerart passt. Was benutzt der Kerl eigentlich? Und dann noch dieses völlig nutzlose Rezept. Wer kocht oder backt denn auf so eine Art und Weise? Warum Kondensmilch, warum so viel Wasser? Streckt der sein Rezept, um Geld zu sparen? Ich kann langsam nicht mehr. Verdammte Scheiße!«
Zimmermann war wütend, sehr wütend sogar. Er hasste es, wenn er nicht vorwärts kam. Und dann folgte auch das Unvermeidliche. Es war Montag und die Wache meldete den nächsten Toten. Der Tatort lag in Nieringsen. An der Böschung des Iserbachs wartete eine ältere Frau, die ihnen schon von Weitem gewunken hatten. Die Beamten stiegen aus. Zimmermann delegierte sofort die ersten Aufgaben.
»Fiedler, sie kümmern sich um die Dame und beruhigen sie, wenn nötig. Schmidt, sie nehmen Zeugenaussagen auf, Schimanski schaut sich die Leiche an. Die anderen suchen nach Spuren. Eine Absperrung des Tatorts können wir uns wohl sparen. Hier kommt eh kaum jemand vorbei.«
Lena-Marie kniete sich auf den Boden und besah sich die Leiche. Umdrehen musste sie sie nicht. Die tote Frau lag bereits auf dem Rücken.
»Wo ist der verdammte Hinweis?«
Sie suchte und wurde schließlich fündig. In der rechten Jackentasche steckte der übliche, gefaltete Zettel.
»Das ist es jetzt endlich. Mein Rezept ist komplett. Acht Esslöffel nimmt man dafür, dann hat man ein wirklich richtig gutes Rezept. Aber wenn man davon keine Ahnung hat und nur fertigen Mist frisst, macht man sich selbst kaputt und stirbt. Wenn nicht durch den Dreck, dann durch meine Hand. Fünf Mal habe ich das jetzt gemacht. Fünf Menschen habe ich gerichtet. Doch damit soll es nicht vorbei sein. Jetzt kommt das große, blutige Finale. Danach wird die Konkurrenz am Boden liegen und die Menschen werden heulen und mit den Zähnen klappern. Heute Abend ist es so weit.«
Lena-Marie wurde nervös. Schon heute Abend sollte es so weit sein. Aber wo? Und wo war der letzte Hinweis? Sie suchte weiter und fand ihn schließlich in der anderen Jackentasche.
»Es ist eine kleine Flasche Olivenöl. Das ist die letzte Zutat.«
Sie kam damit zu ihren beiden Kollegen und legte sie Zimmermann in die Hand.
»500 Gramm Mehl, 250 Milliliter Wasser, ein Würfel Frischhefe, ein Schluck Kondensmilch und acht Esslöffel Olivenöl.«
Sie kniff die Augen zusammen und dachte angestrengt nach.
»Das ist … Das ist das Rezept für …«
Doch dann kam ihr Zimmermann noch zuvor. »…für Pizzateig. Richtig.«
Schmidt zog die Stirn kraus. »Pizzateig? Mit Milch? Wer backt denn so? Habe ich noch nie gehört.«
»Meine Mutter hat ihren Teig immer so gebacken.«
»Meine Exfrau.«, erinnerte sich Zimmermann und atmete plötzlich schwer.

Das große Finale

Nun lagen alle Hinweise auf dem Tisch. Jetzt ging es darum, das Finale, wie es der Rezeptkiller genannt hatte, zu verhindern. Doch wo genau sollte es stattfinden?
Während das Ermittlerteam noch grübelte, klingelte das Telefon. Schmidt nahm den Hörer ab und das Gespräch entgegen.
»Büro Zimmermann, Schmidt hier.«
Er hörte ein paar Sekunden lang dem Anrufer zu.
»Es ist die Pathologie. Sie haben Neuigkeiten für uns.«
Zimmermann blickte aufmerksam hinüber. »Schalten sie den Lautsprecher an. Das will ich hören.«
Schmidt drückte einen Knopf. »Wir hören sie jetzt alle. Sprechen sie bitte weiter.«
»Hallo Zimmermann, Schreiber hier. Ich habe die letzten Infos über eure Hinweise bekommen und versucht, mir einiges zusammen zu reimen. Danach habe ich schnell ein paar Experimente an einem Dummy gemacht. Dabei bin ich jetzt endlich auf die mögliche Tatwaffe gestoßen. Eigentlich lag die Lösung die ganze Zeit vor uns. Wir sind aber nicht darauf gekommen, weil es in der Kriminalgeschichte bisher noch nicht vorgekommen ist. Das Ganze ist so verrückt, dass es Teil eines Romans sein könnte.«
»Verdammt noch mal, Schreiber.«, fluchte Zimmermann. »Uns läuft die Zeit davon. Jetzt kommen sie endlich auf den Punkt.«
»Oh, äh, ja. Tut mir leid. Das macht die ganze Aufregung. Es könnte sein, dass der Täter ein klassisches, rundes Pizzamesser, also einen Pizzaschneider benutzt hat. Der hat keine Zacken, ist völlig glatt. Das würde zu den Wunden passen.«
»Danke. Das hilft uns noch einen Schritt weiter.«
Er gab Schmidt zu verstehen, dass er das Gespräch beenden konnte.
»In Ordnung. Wir haben ein Pizzarezept, einen Pizzaschneider und einen irren Serienkiller, der seine Konkurrenz ausschalten will.
»Wenn hier nicht ein neidischer Pizzabäcker am Werke ist, dann fresse ich einen Besen.«
Schmidt nickte nur, während sich Lena-Marie nicht am Gespräch beteiligte. Sie wirkte irgendwie abwesend, teilnahmslos.
»Wir brauchen eine Liste aller Pizzerien in Hemer und müssen sie alle überwachen. Er wird heute Abend zuschlagen. Das steht fest. Wir werden ihn also schnappen können. Wir müssen nur genau wissen, wo.«
Schmidt war einverstanden. »Ich suche sofort alle Adressen raus und informiere die Jungs und Mädels aus der Wache. Ich werde zusehen, dass wir Verstärkung aus Iserlohn und Menden bekommen und zur Not der Rest aus der Freizeit geholt wird. Jetzt brauchen wir jede Hilfe, die wir bekommen können.«

Der Parkplatz vor der Wache war voll. Einsatzwagen drängte sich an Einsatzwagen. Dazwischen jede Menge uniformierte Beamte. Inspektor Schmidt verteilte gerade die Adressen der Pizzerien, die nun überwacht werden sollten. Fast jeder Polizist und fast jede Polizistin war mit einem Maschinengewehr ausgerüstet.
»Gehen sie mit äußerster Vorsicht vor.«, gab er die letzten Anweisungen durch. »Wir wissen noch nicht, wer unser Täter ist und wo er zuschlägt. Zunächst gehen die unbewaffneten Zivilkollegen in die Restaurants. Sollte etwas passieren, gehen die Einsatzkommandos hinterher.«
»Da bin ich schon einen Schritt weiter. »Ich weiß genau, wer der Täter ist.«
Wollte der Kommissar jetzt doch die Katze aus dem Sack lassen?
»Hat das mit ihrem Gespräch im Auto mit Kollegin Szymański zu tun?«
»Hä? Gespräch? Blödsinn.«, konterte Zimmermann. »Ich habe in allen Pizzerien angerufen. Eine davon hat heute irregulär geschlossen. Und genau das ist unser Mann. Ein Team sollte auf jeden Fall hin fahren und schauen, ob sie Schlimmeres verhindern können. Die anderen machen weiter wie besprochen.«

Szymański und Fiedler betraten in ihrer Freizeitkleidung eine Pizzeria in der Innenstadt. Von der Wache aus hatten sie den Weg zu Fuß zurückgelegt. Das war unauffälliger als ein Wagen, der schon aus zehn Kilometern Entfernung nach Polizei roch. Sie hatten die Arme ineinander gehakt und gaben sich als Pärchen aus.
Sie aßen Pizza, tranken – trotz Dienstzeit – ein Glas Wein und beobachteten jede Person, die herein kam oder das Lokal wieder verließ. Hin und wieder schrieben sie kurze Nachrichten an den Kommissar über die aktuelle Lage.
»Sie wirken den ganzen Abend schon sehr abwesend. Ist alles in Ordnung?«
Fiedler schien sich echte Sorgen zu machen. Aber die Gedanken, mit denen sich Lena-Marie schon seit Stunden beschäftigte, wollten sie einfach nicht zur Ruhe kommen lassen. Das Gespräch mit ihrem Kollegen am letzten Tatort hatte sie zu sehr aufgewühlt. Das konnte sie nicht so einfach wegstecken und verarbeiten. Von einem Moment zum anderen war ihr ganzes Weltbild zerstört worden und in sich zusammen gebrochen. Sie zwang sich zu einem gequälten Lächeln, das mehr als nur unecht wirkte.
»Es ist nichts. Mit mir ist alles in bester Ordnung.«
Sie hob ihr Glas und hielt es Fiedler entgegen.
»Lassen sie uns lieber anstoßen. Wir sollten feiern, dass wir im Dienst trinken dürfen. Das wird bestimmt nicht so schnell wieder vorkommen.«

Zimmermann und Schmidt waren in ihrer üblichen, über mehrere Jahre, erprobten Zusammensetzung geblieben. Als Zweierteam hatten sie genug Erfahrungen gesammelt, um genau zu wissen, wie der andere tickte. Sie konnten sich aufeinander blind verlassen. Sie ergänzten einander perfekt. Und nun saßen sie im Fond ihres Dienstwagens und warteten vor der Wache, dass sich irgendwo in der Stadt etwas Verdächtiges tat. Die Frage war nur, in welchem Stadtteil der Rezeptmörder zuschlagen würde. Die hemeraner Innenstadt wäre perfekt gewesen. Dort war alles für die Einsatzkräfte schnell erreichbar. Westig und Deilinghofen waren auch innerhalb von wenigen Minuten denkbar. Würde das Finale in Ihmert steigen, konnte wertvolle Zeit verschwendet werden.
Schmidt, der hinter dem Steuer saß, hatte ein Tablet vor sich auf das Lenkrad gelegt und checkte sekündlich die neu eintreffenden Nachrichten.
»Bis jetzt ist alles ruhig. Ich habe nur vereinzelte Sichtungen von Personen, die sich dann aber als harmlos herausstellten. Bisher wurden die Pizzerien nur von Paaren und Gruppen betreten oder von einzelnen Männern, die eine Bestellung abholten. Noch passiert nichts.«
Zimmermann wurde langsam auf dem Beifahrersitz nervös. Er trommelte mit den Fingern der rechten Hand auf die Türverkleidung. Auch er knabberte an seiner inneren Unruhe. Das Gespräch vor ein paar Stunden hatte ihn verwirrt. Es hatte sein Leben verändert. Noch wusste er nicht, in welche Richtung es sich weiter entwickeln würde. Er wusste nur eines: große Veränderungen standen kurzfristig ins Haus.
»Hier kommt gerade ein Anfangsverdacht. Eine Einzelperson hat eine Pizzeria betreten und sich an einen Tisch gesetzt.«
»Das ist er!«
Zimmermann war sich sicher.
»Noch ist es nur eine Vermutung. Wir können deswegen nicht gleich die Kavallerie losschicken. Das wäre zu früh. Das würde die ganze Operation gefährden.«
»Und wenn er es am Ende doch ist und wir zu spät kommen?«
»Unsere Leute beobachten ihn und melden sich, sobald er sich verdächtig verhält.«
Zimmermann wusste, dass Schmidt recht hatte. Trotzdem beschlich ihn das ungute Gefühl, dass sie wertvolle Zeit verschwendeten, was sich an Ende rächen konnte.
»Der Mann bestellt nichts zu Essen. Er nimmt nur einen Wein. Zugleich ist er auch unfreundlich zur Bedienung.«
Nun warf Zimmermann einen grimmigen Blick auf seinen Kollegen.
»Okay, Chef. Ich denke, sie könnten recht haben.«
»Dann los. Fahren wir hin. Wo ist er?«
Schmidt übergab das Tablet an den Kommissar startete den Motor und fuhr los.
»Innenstadt, nähe Sparkasse.«
Zimmermann überflog seine Liste. Ihm stockte der Atem. »Aber dort …«
Ein Ping im Tablet lenkte ihn ab. »Es geht los. Unser Mann schlägt gerade zu.«
Er drückte Schmidts Bein fest gegen das Gaspedal.
»Verdammt, was soll das?«
»Wir müssen uns beeilen. In der Pizzeria sitzt meine Tochter.«

Schmidt verstand die Welt nicht mehr. Tochter? Welche Tochter? Seines Wissens nach hatte der Kommissar nie eigene Kinder gehabt. Woher nun diese plötzliche Wende? Und was hatte diese Tochter mit dieser Sache zu tun?
Sie hielten vor der Pizzeria und sprangen aus dem Wagen. Beide zogen ihre Dienstwaffen und gingen hinter den Türen in Deckung.
Im Eingang stand ein Mann mit einer Geisel. Es war eine kleine, junge Frau mit kurzen, feuerroten Haaren. Er hielt ihr einen Pizzaschneider an den Hals.
»Scheiße!«, brüllte Zimmermann. »Verdammte Scheiße! Er hat Lena-Marie.«
»Los! Verschwindet, ihr scheiß Bullen. Wenn ihr nicht in einer Minute verschwunden seit, stirbt dieses Mädchen als Erste.«
Zimmermann stand auf, kam aus seiner Deckung und richtete seine Waffe auf den Kopf des Mörders.
»Lass das Mädchen los, Arschloch. Krümmst du meiner Tochter auch nur ein einziges Haar, kannst du deine Rübe von der Tür kratzen.«
Schmidt erstarrte. Nicht nur wegen Zimmermanns offensivem Verhalten, sondern auch wegen der unerwarteten Wendung der Dinge. Tochter? Wie konnte das sein?
»Verschwinde, oder ich bringe sie um.«
Zimmermann schüttelte den Kopf und ging noch ein paar Schritte näher an den Geiselnehmer heran.
»Es ist vorbei. Wirf den Pizzaschneider weg und lass mein Mädchen gehen. Dann können wir über alles reden.«
Der Attentäter lachte wie ein Irrer.
»Es spielt keine Rolle mehr. Es wird Tote geben. Schon in ein paar Minuten. Die Bombe ist scharf und wird explodieren. Ihr könnt mich nicht aufhalten. Ich bestrafe jetzt diese elende Billigbude, die mit Fertigzutaten mein, ernsthafte Pizzabäcker wie mich zu ruinieren.
Das ist meine Rache. Aber vorher ist die Kleine dran. Wird mir eine Freude sein, ihrem alten Herrn eine Sondervorstellung zu geben.«
Er drückte seine Waffe fester gegen Lena-Maries Kehle und grinste hämisch.
»Es tut mir so leid.«, flüsterte Zimmermann vor sich hin. Eine Träne lief seine Wange herab. Dann drückte er ab. Sechs Schüsse hallten durch die Straße.
Der Pizzabäcker ließ den Schneider aus der Hand fallen. Vor Schreck und Panik fuhr er sich über den Kopf, tastete ihn rundherum am. Aber da war nichts. Diesen kurzen Moment der Unaufmerksamkeit nutzte Lena-Marie und rammte ihren Ellbogen in die Magengrube ihre Peinigers. Der sackte in sich zusammen und blieb wimmernd liegen.
»Ich kümmer mich um die Bombe.«
Schon war die Kommissarin in der Pizzeria verschwunden und kam nur Sekunden später mit einem kleinen Karton wieder heraus. Sie übergab die Bombe ein paar Kollegen und lief dann zu Zimmermann, der sie fest in die Arme schloss.
»Es ist vorbei.«, gab er leise von sich. »Es ist endlich vorbei.«
Dann weinten sie beide vor Erleichterung.

Sie hatten sich ein paar Tage Auszeit genommen. Zimmermann hatte seine Kollegen zu sich nach Hause eingeladen. Nun saßen sie zu dritt auf seinem Balkon, tranken Bier aus Flaschen und genossen den Sonnenuntergang.
»Ist es nicht komisch, wie das Leben so spielt?«, sinnierte der alte Kommissar melancholisch.
»Wir bekommen eine neue Kollegin zugeteilt und am Ende bin ich plötzlich Vater einer erwachsenen Frau.«
Schmidt konnte es noch immer nicht glauben. »Wie haben sie das herausgefunden?«
»Das Rezept, Schmidt. Es war das Rezept. Meine Ex hat genau so ihren Pizzateig angerührt, Lenas Mutter auch. Ist selten, dass man einen Schluck Milch nimmt. Der Rest war einfach Kombination. Meine Ex war eine gebürtige Szymański. Polnische Schreibweise wissen, sie? Nicht die Deutsche, wie bei unserem TV-Kollegen aus Duisburg, wie ich zuerst dachte.
Als wir dann am fünften Tatort im Wagen saßen, haben wir die Fäden zusammengeführt.«
»Meine Mutter hat sich von meinem Vater getrennt. Kurz danach hat sie gemerkt, dass sie schwanger war. Nach der Scheidung nahm sie ihren Mädchennamen wieder an und hat mich allein aufgezogen. Von meinem Vater hat sie nie erzählt. Ich habe auch nie gefragt. Aber jetzt bin ich glücklich, dass ich ihn gefunden habe.«
Lena-Marie drückte Zimmermanns Hand und lächelte ihn an. »Ich bin schon gespannt, was wir uns alles zu erzählen haben.«
Der Kommissar stand auf und lehnte sich an die Brüstung des Balkons. Er nahm seinen Dienstausweis aus der Hosentasche und betrachtete ihn von allen Seiten.
»Leute, ich bin müde. Ich bin es müde, immer den Verbrechern nachzustellen, ständig mein Leben zu riskieren. Ich kann das nicht mehr. Vor allem kann ich es jetzt nicht mehr. Ich bin ein Vater und habe Verantwortung. Ich glaube, es wird Zeit, meinen Job an den Nagel zu hängen. Die nächste Generation ist bereit, mich abzulösen.«
Er nahm einen großen Schluck seines Biers und seufzte.
»In ein paar Monaten werde ich den Dienst quittieren. Ich freue mich schon auf ein ruhigeres Leben als Pensionär.«

(c) 2018, Marco Wittler

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