Zimmermann ermittelt (39) – Schaumbad

Schaumbad

Der Wecker klingelte schon sehr früh an diesem Morgen. Normale, rechtschaffende Menschen lagen noch in ihren Betten und schliefen tief und fest. Doch eine Person hatte es sich zum Ziel gesetzt, heute etwas früher aus den Federn zu klettern. Sie hatte sich etwas vorgenommen und wollte sich auch von der Müdigkeit und den bleiernen Knochen nicht aufhalten lassen.
Es war eine kleine, junge Frau Anfang dreißig. Sie stand auf und schlurfte ins Bad. Ein kurzer Blick in den Spiegel verriet ihr, dass ihr kurzes, rotes Strubbelhaar perfekt lag. So perfekt, wie es bei diesen widerspenstigen Haaren überhaupt möglich war. Alle Versuche, sie in irgendeiner Art und Weise zu bändigen, sie zu glätten oder Locken einzudrehen, waren schon in ihrer Kindheit und Jugend gescheitert.
Sie machte sich fertig, zog sich im Schlafzimmer ein Multifunktionsshirt, eine kurze Hose und Laufschuhe an.
»Lena-Marie ist bereit.«, spornte sie sich selbst an und verließ ihre Wohnung. Ein letzter Blick auf die Wanduhr verriet, dass es gerade fünf Uhr geworden war.
»So komme ich wenigstens noch dazu, etwas Sport zu treiben. Heute Nachmittag wird es wieder so heiß sein, dass einem der Schweiß schon beim Faulenzen aus den Poren strömt. Darauf habe ich auch keine Lust.«
Die junge Kommissarin der hemeraner Polizei verließ das Haus, schaltete ihre Laufuhr an und startete los.
Von ihrer Wohnung unterhalb des Waldfriedhofs in Sundwig ging es recht schnell hinab zur Hönnetalstraße und von dort weiter zum Fahrradweg, der quer durch die Stadt führte.
Es dauerte nicht lange, bis sie hinter der Polizeiwache entlang kam und den staunenden Kollegen zuwinkte. Doch das reichte ihr noch lange nicht. Jetzt ging es erst so richtig los. Kilometer um Kilometer legte sie zurück, bis sie das Ende des Radweges in Menden erreicht hatte.
Lena-Marie warf einen Blick auf ihre Laufuhr. »Gute Zeit!«, freute sie sich. Doch statt sich eine Pause zu gönnen, drehte sie sofort um und lief wieder zurück.
Irgendwann erreichte sie wieder Hemers Innenstadt. Schon war sie auf Höhe des Hallenbads angekommen, als sie plötzlich langsamer wurde. Etwas hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Lag da etwa jemand am Stadtbrunnen? Ein Verletzter? Ein Hilfloser? Oder vielleicht ein Betrunkener?
Langsam ging sie näher und sah sich dabei immer wieder um. Konnte es sich am Ende vielleicht doch um eine …
Die Kommissarin dachte nicht weiter. Vorsichtig tippte sie die Person an, die halb über den Rand des Brunnens lag.
»Hallo? Hören sie mich? Geht es ihnen nicht gut?«
Bescheuerte Frage, dachte sie bei sich selbst. Wenn jemand halb in einem Brunnen lag – mit dem Kopf unter Wasser – konnte man davon ausgehen, dass es dieser Person nicht gut ging.
Lena-Marie fasste mit zwei Fingern an die linke Seite des Halses. Sie brauchte nicht lange nach einem Puls suchen, denn der Mann war eiskalt.
»Tot!«
Sie seufzte. »Nicht schon wieder einer.«
Sofort holte sie ihr Handy aus ihrer Bauchtasche und wählte die Nummer der Polizei.
»Hier Kommissar Szymański. Ich stehe gerade am Stadtbrunnen. Ich hab hier gerade wieder eine Leiche gefunden. Der Serienkiller hat wieder zugeschlagen.«
Das reichte als erste Information. Sie wusste, dass sich die Kollegen in der Wache nun um alles Weitere kümmern würden.
»Dann trommel ich mal das Team zusammen.«
Zuerst rief sie Inspektor Schmidt an. Er brauchte immer etwas länger bis zum Tatort, was aber auch daran lag, dass er mit seinem überragenden Organisationstalent auch zu den unmöglichsten Zeiten frischen Kaffee auftreiben konnte, der auch noch ganz passabel schmeckte.
Danach wurde es Zeit, den Chef aus dem Bett zu klingeln.
»Wir haben wieder einen Toten im Brunnen, Chef. Schmidt ist gleich bei dir und holt dich ab.«
Kommissar Zimmermann seufzte. »Schätzchen, du sollst mich doch nicht immer Chef nennen. Ich bin dein Vater. Also kannst du auch Papa zu mir sagen.«
Lena-Marie grinste. »Ist klar, Chef. Wird gemacht, Chef. Kommst du jetzt endlich aus dem Bett?«
»Jaaa, ich bin schon so gut wie fertig. Gibt es Kaffee?«
»Ist schon bestellt.«
»Guten Kaffee?«
»So schwarz wie meine Pupillen.«
»Dann bin ich gleich da.«

Zwanzig Minuten später bog der Dienstwagen der hemeraner Kriminalpolizei um die Ecke und hielt mitten auf der gesperrten Kreuzung, die die Bahnhofstraße mit der Ostenschlahstraße verband. Es wimmelte bereits von Polizisten, die den Tatort abriegelten und nach verwertbaren Spuren suchten.
Schmidt und Zimmermann stiegen aus. Während der Kommissar seinen Kaffeebecher schon fast geleert hatte, übergab der Inspektor einen Zweiten an seine Kollegin.
»Ist das die neue Dienstkleidung?«, witzelte Zimmermann.
»Nein, Chef. Ich hab die kühlen Morgenstunden für mein Training genutzt. Du weißt doch, dass ich in ein paar Wochen meinen ersten Halbmarathon machen werde. Dafür muss ich fit genug sein.«
»Und dann hast du die Leiche gefunden?«
»Ja, dann habe ich die Leiche gefunden.«
Sie gingen gemeinsam zum Brunnen. Während Schmidt mit den Streifenkollegen sprach, stand Zimmermann auf der Stelle und sah sich in der Gegend um. Es hatte den Anschein, als interessiere ihn der Fall nicht sonderlich, aber das war nur der Eindruck, den Unbeteiligte haben würden. Die Wirklichkeit war anders. Der Kommissar hatte alles im Blick, suchte nach Hinweisen, die nicht jeder sofort entdeckte. Doch dieses Mal hatte er damit kein Glück. Er seufzte und hockte sich neben die Leiche.
»Was haben wir denn hier?«
»Er ist – war – ein Obdachloser. Der Serienkiller bleibt also seinem Schema treu. Der Tote hat ein Messer in der Brust. Auch liegt wieder eine leere Flasche Duschgel auf der Wiese. Ich gehe mal davon aus, dass das Wasser aufschäumen wird, wenn der Brunnen nachher eingeschaltet wird.«
Das waren die ersten Fakten, die Lena-Marie bereits in Erfahrung gebracht hatte.
»Das wäre dann schon das sechste Opfer. Ich verstehe gar nicht, dass sich immer noch Obdachlose in die Nähe des Brunnens wagen. Es sollte sich doch mittlerweile in der Szene herumgesprochen haben, dass es für sie hier zu gefährlich geworden ist. Und warum wäscht der Täter seine Opfer?«
Tja, das war die Frage, die die Kripo und die Mordkommission schon den ganzen Sommer über beschäftigte.
»Vielleicht wäscht er sie gar nicht.«, dachte Zimmermann nach. »Vielleicht liegt der Fall ganz anders. Es könnte doch auch sein, dass wir auf einer falschen Fährte sind. Was, wenn die Obdachlosen sich hier waschen und dabei dann von unserem Täter überrascht werden?«
Lena-Marie nickte. »Das ist nicht das, was ich hören wollte, aber vielleicht hast du ja doch Recht. Es passt halt nur irgendwie in das Bild von einem irren Serienkiller. So eine Art Visitenkarte, die er hinterlässt. Sein Markenzeichen, damit man erkennt, dass er wieder zugeschlagen hat.«
»Das Leben und vor allem der Tod sind aber kein Hollywoodfilm und auch kein Regionalkrimi in einer Dorfzeitung. Finden wir uns damit ab, dass das hier die Realität ist und wir noch ermitteln müssen, was wirklich passiert ist.«
Die beiden Kommissare wussten, dass sie hier mit Vermutungen nicht weiter kamen. Schon seit Wochen arbeiteten sie an diesem Fall, ohne wirklich weiter zu kommen. Es war zum aus der Haut fahren.
Die nächsten zwei Stunden verbrachte daher das dreiköpfige Ermittlerteam damit, die wenigen Spuren zu sichern, die es gab. Im Büro fügten sie sie dann den Akten zu und brüteten dann bei dampfenden Kaffeebechern über den Fall nach, ohne wirklich weiter zu kommen.

In der Wache war gerade Schichtwechsel. Die einen Kollegen verschwanden in den wohl verdienten Feierabend, die anderen hatten den Dienst für die nächsten Stunden übernommen.
Einer von ihnen war Wachtmeister Fiedler, ein noch recht frischer Polizist, der trotz seiner kurzen Zeit in Hemer schon so einiges erlebt hatte.
»Schon wieder ein toter Obdachloser.«, las er in den Protokollen der Kollegen und war froh darüber, dass er dieses Mal nicht im Dienst gewesen war. Er hatte in der letzten Zeit schon genug Leichen gesehen. Es drehte ihm noch immer jedes Mal den Magen um. Auch wenn man ihm bereits mehrfach versichert hatte, dass man sich an den Anblick des Todes gewöhnen würde, war dies eben nicht eingetreten.
»Guten Morgen, Fiedler. Ausgeschlafen?«
Er drehte sich um und entdeckte ein mit Sommersprossen übersätes Gesicht unter einem roten Strubbelkopf.
»Hallo Frau Kommissarin.«
»Zum Glück, das hab ich. Hätte ich nicht gestern meine Schicht mit Meyer getauscht, hätte ich mich um den Tatort kümmern müssen. Manchmal habe ich ja doch Glück.«
»Ach, Mensch. Immer noch Probleme mit Leichen? Da gewöhnst du dich auch noch dran. Ganz bestimmt.«
Szymański grinste den Mann an, der mindestens zwei Köpfe größer war als sie selbst.
»Was treibt sie denn zu uns hier runter in die Wache?«
»Ich wollte mal mit euch sprechen. Ist es vielleicht möglich, dass ihr in der Nacht und den frühen Morgenstunden vermehrt Streife in der Nähe des Brunnens fahrt? Wir kommen in dem Fall einfach nicht weiter. Die Anfragen beim Ordnungsamt bringen uns nicht weiter. Die Leute dort wollen nicht mit uns zusammenarbeiten. Meine Idee, den Bereich mit Kameras zu überwachen wurde abgelehnt. Der Datenschutz der Einwohner wäre wichtiger.«
Fiedler nickte. »Ist kein Problem. Wir wollen ja auch, dass das Morden aufhört. Vor allem ich. Ich geb das mal an meinen Chef weiter, wenn er gleich kommt. Alles Weitere findet sich dann.«
Lena-Marie lächelte und knuffte ihren großen Kollegen gegen die Schulter.
»Danke. Hast was gut bei mir.«
sie ging zurück ins Büro.

Kommissar Zimmermann saß an seinem Schreibtisch und brütete schon eine ganze Weile über den Akten. Er tat das Gleiche, wie jeden Tag – zumindest in den letzten Wochen. Er war auf der Suche nach einem Hinweis. Irgendwo musste doch etwas zu finden sein.
»Das ist keine Stecknadel im Heuhaufen, sondern eine Bakterie im Ozean. Der Verrückte ist echt gut und führt uns immer noch an der Nase herum. Ich frage mich, wann er endlich mal einen Fehler begeht.«
Lena-Marie kam herein. »Tach, Schmidt. Tach, Chef.«
Zimmermann seufzte. »Schätzchen, du weißt doch, dass ich das nicht mag. Nenn mich Papa oder meinetwegen Vati oder etwas in der Art. Musst du mich immer Chef nennen?«
»Ich versuch es mir zu merken, Chef.«
Sie grinste. Das Spiel mit dem alten Kommissar gefiel ihr sehr gut und machte viel Spaß.
»Du solltest mich aber auch nicht immer Schätzchen nennen. Ich bin kein kleines Kind mehr. Das klingt genau so schlimm wie Püppchen.«
»Kind nicht, klein aber schon.«
»Pöh!«
»Wo bist du eigentlich gewesen?«
»Ich war unten in der Wache und habe ein paar Worte mit Fiedler gesprochen. Er tut mir einen Gefallen und bittet die Jungs und Mädels der Streife, verstärkt am Brunnen entlang zu fahren, um ihn im Auge zu behalten. Irgendwann muss uns doch der Mörder in die Arme laufen. Der Tatort ist immer der Selbe und ist nur ein paar hundert Meter vom Revier entfernt. Das kann nicht auf Dauer gut für ihn weiter gehen.«
Ja, das konnte wirklich nicht auf Dauer so weiter gehen. Und trotzdem waren bereits sechs Obdachlose dem Messerstecher zum Opfer gefallen.
»Wie sieht es mit der Überwachung des Brunnens aus?«
Lena-Marie schüttelte den Kopf.
»Ausgeschlossen. Die Sachbearbeiter beim Ordnungsamt wollen sich darauf nicht einlassen. Die haben alle das neue Datenschutzgesetz im Kopf und rechnen mit Ärger aus der Bevölkerung, falls dort irgendwann Kameras hängen sollten. Außerdem habe ich schon hinter vorgehaltener Hand gehört, dass es nicht gerade wenig Mitbürger gibt, die den Mörder im Internet bei jeder neuen Tat als Helden feiern.«
»Als Helden?«, regte sich Zimmermann auf. »Wie kann so ein Verrückter zum Helden werden? Er tötet Menschen und bedroht die Bevölkerung.«
»Er tötet ausschließlich Obdachlose. Das gefällt den Radikalen. Er säubert die Straßen vom Unrat. Zumindest äußern sie sich so in diversen Foren und Facebookgruppen. Abartig ist das.«
Szymański seufzte und ließ sich hinter ihrem Schreibtisch in den Sessel fallen.
»Wenn man wenigstens den Platz überwachen könnte. Wenn nicht mit Kameras, dann wenigstens mit eigenen Augen. Aber dafür braucht es jede Menge Leute und einen Beschluss vom Gericht, wenn ich mich nicht täusche.«
»Und das dauert wieder unnötig lange und gefährdet unnötig Menschenleben.«, knurrte der Kommissar.

Die Nacht war sehr unruhig gewesen. Lena-Marie hatte sich stundenlang von einer Seite zur anderen gedreht, hatte immer wieder zu ihrem E-Book Reader gegriffen, Musik gehört, warme Milch getrunken und den Fernseher mit dem langweiligsten Programm laufen gelassen. Aber an Schlaf war irgendwie die ganze Zeit über nicht zu denken gewesen. Der aktuelle Fall geisterte ihr ständig im Kopf herum und ließ sie nicht zur Ruhe kommen.
Seit dem letzten Mord waren nun schon ein paar Tage vergangen. Es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis zur nächsten Tat. Serientäter konnten von ihrem Laster nicht ab. Waren sie erst einmal im Sog des Zwangs gefangen, mussten sie in immer kürzeren Abständen zur Tat schreiten. Das kannte man auch von Feuerteufeln so.
Es wird wieder passieren. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.
Aber wann? Das war die große Frage. Irgendwann hielt sie es nicht mehr unter der viel zu warmen Decke aus und stand fluchend auf. Es war das ungute Gefühl, dass sie antrieb.
»Wenn wir schon keine Überwachungskameras bekommen und den Tatort nicht rund um die Uhr überwachen können, dann muss uns eben der Zufall helfen.«
Sie zog sich ihre Laufklamotten an und verließ das Haus. Es war kurz vor der Dämmerung. Noch war alles dunkel, aber die ersten Vögel zwitscherten bereits und kündigten den neuen Tag an. Es war gerade vier Uhr in der Nacht geworden.
Die Straßen waren still und verlassen. Niemand trieb sich um diese gottlose Zeit draußen herum – mit Ausnahme einer jungen Kommissarin, die nun Richtung Fahrradweg sprintete.
Die Gedanken in Szymańskis Kopf kreisten weiter, zogen sich immer enger um den Fall zusammen. Sie sah jedes einzelne Opfer vor ihrem geistigen Auge, wie sie halb im Brunnen lagen. Damit musste endlich Schluss gemacht werden. Es durfte niemand mehr sterben.
Nach ein paar Minuten erreichte sie den Brunnen das erste Mal. Zu sehen war nichts und niemand. Kein Obdachloser, kein Mörder und auch sonst niemand.
Warum zog es eigentlich so viele Obdachlose gerade nach Hemer? In der Provinz waren sie doch eher selten anzutreffen. Die Hoffnung auf Spenden von Passanten trieb sie zumeist in die Großstädte. Da war die Ausbeute einfach größer.
Lena-Marie lief weiter. Mit jedem Kilometer, der sich auf das Display ihrer Laufuhr fraß, wurde sie schneller. Das war sie eigentlich nicht gewohnt und konnte in der Regel dieses Tempo auch nicht durchhalten. Aber die Anspannung trieb sie regelrecht nach Menden und dann wieder zurück. Heute war sie so schnell, wie noch nie zuvor. Der Puls war bereits weit über ihrem üblichen Wert. Doch darauf achtete sie schon gar nicht mehr. Das ungute Gefühl im Bauch nahm immer mehr zu. Sie spürte immer mehr, dass es heute so weit sein würde. Noch heute, das ahnte sie, würde ein weiterer Mensch um sein Leben bangen müssen.

Kommissar Zimmermann war im Sessel vor dem laufenden Fernseher eingeschlafen. Früher hatten ihn das Erscheinen des Testbilds und des hohen Pieptons nach Sendeschluss geweckt und ins Bett vertrieben. Doch das war schon lange nicht mehr der Fall, seit es keinen Sendeschluss mehr gab und man sich rund um die Uhr berieseln lassen konnte.
Doch in dieser Nacht war es anders. Unruhig warf er immer wieder seinen Kopf mal zur einen, mal zur anderen Seite. Seine Arme und Hände zuckten unkontrolliert, schienen immer wieder nach etwas zu greifen, was nicht fassbar war. Der Kommissar wurde von Alpträumen geschüttelt, die ihn schließlich aus dem Schlaf aufschrecken ließen.
Zimmermann stöhnte gequält auf. Es war kurz nach vier Uhr in der Nacht.
»Dieser verdammte Fall raubt mir immer mehr den Schlaf.«, klagte er benommen und wischte sich mit der rechten Hand den Schlaf auf dem Gesicht.
»Ich weiß langsam echt nicht mehr weiter. Ich bin mit meinem Latein am Ende und die Kollegen sind mir auch keine richtige Hilfe. Wenn nicht endlich was passiert, müssen noch mehr Menschen sterben, weil ich sie nicht beschützen konnte.«
Das war es, was ihm am meisten am Herzen und an der Seele nagte. Er konnte seine Stadt nicht beschützen, obwohl das seine Aufgabe war.
»Vor allem kann ich niemanden beschützen, wenn ich hier zu Hause im Sessel vor dem Fernseher rumlungere und gar nichts mache.«
Er hob sich schwerfällig hoch, schlurfte in die Küche und fand schließlich einen letzten Rest kalten Kaffee in seiner Maschine und kippte diesen in einem großen Schluck in sich hinein.
»Pfui! Verdammt, ist der bitter. Schmeckt fast so wie bei Schmidt zu Hause.«
Er schüttelte sich ein paar Mal, klatschte sich mit den flachen Händen ins Gesicht, packte ein paar Utensilien ein und zog sich seinen alten, abgetragenen Mantel über.
Dann verließ er das Haus und machte sich mit seinem Wagen auf den Weg Richtung Innenstadt.
»Es wird Zeit, dass ich was unternehme. Ich habe da so ein ungutes Gefühl, dass heute Nacht noch etwas passieren wird.«

Inspektor Schmidt lag in seinem Bett und schlief tief und fest. Nichts konnte ihn dabei stören. Er träumte davon, dass er in seinem Bett liegen und träumen würde. Tiefer konnte kein anderer Mensch schlafen.
Aber als es dann irgendwann halb fünf wurde, weckte ihn ein lautes Geräusch auf. Zuerst wusste er nicht, wo er sich befand, aber dann hörte er das laute Schnarchen seiner Frau, dass ihn aus dem Schlaf gerissen hatte und holte ihn sofort in die Realität zurück.
Vorsichtig rüttelte er seine Frau am Arm, bis sie leiser wurde und schließlich nur noch ruhig atmete.
Schmidt seufzte zufrieden, drehte sich auf die andere Seite und wollte gerade wieder einschlafen, als es ihm seine Frau gleich tat. Dabei flog ihre Hand in sein Gesicht und klatschte laut auf seine Wange.
»Au! Verdammt! Bist du irre?«
Schmidt erschrak und weckte dabei seine Frau.
»Hm? Was ist los, Schatz?«, murmelte sie verschlafen.
»Nichts weiter. Du hast mich nur versehentlich geschlagen.«
»Oh. Tut mir leid.«
Sie öffnerte die Augen und schaltete die Nachttischlampe an.
»Gehts dir gut?«
»Ja, geht so. Ich kann nur grad nicht mehr schlafen?«
Frau Schmidt seufzte und streichelte ihrem Mann sanft über die Wange.
»Beschäftigt dich der Fall so sehr, dass er dir den Schlaf raubt?«
»Wie? Was? Nein! Mir tut die Wange weh, das ist alles. Geht bestimmt gleich wieder.«
»Tu doch nicht so.«, sagte sie verständnisvoll. »Ich weiß doch, wie dir und deinen Kollegen so eine Mordserie zu Herzen geht. Mich würde das auch nicht kalt lassen.«
Sie mühte sich hoch und hockte sich neben ihren Mann.
»Weißt du was? Warum stehst du nicht auf, fährst runter in die Stadt und überwachst den Brunnen. Du wolltest doch schon immer mal jemanden beschatten. Wenn du eh nicht mehr schlafen kannst, fang halt einfach einen Mörder. Das wird deinem Chef bestimmt imponieren?«
»Hä? Was? Spinnst du? Ich denke gar nicht an den Fall. Ich bin einfach nur müde und mich hat nur der Schmerz auf der Wange aufgeweckt. Das ist in zehn Minuten bestimmt vorbei und dann schlafe ich auch wieder ein.«
»Ach, Schatz. Du kannst mir nichts vormachen. Ich weiß doch, dass du mit ganzem Herzen Polizist bist und nur deine Wange vorschiebst, um mich nicht allein lassen zu müssen. Aber das ist schon in Ordnung. Du kannst ruhig in die Stadt fahren und den Verbrecher dingfest machen. Ich unterstütze dich dabei und werde die ganze Zeit an dich denken. Na los, du großer Polizist. Mach mich stolz.«
Schmidt war verzweifelt. Wollte seine Frau ihn nicht verstehen? Er seufzte und verließ brummend das Bett.
»Ist ja schon gut. Bin schon weg.« Er zog sich seine Schlappen an die Füße, verließ das Haus und setzte sich in seinen Wagen. Erst auf dem Weg ins Zentrum fiel ihm auf, dass er noch seinen Schlafanzug am Körper trug.

Lena-Marie war mittlerweile wieder in Hemers Mitte angekommen. Vom ZOB aus war es nicht mehr weit. Schon bald würde sie den Brunnen sehen können. Umso mehr legte sie sich ins Zeug, holte die letzten Reserven aus sich heraus und rannte den restlichen Weg bis zur Ostenschlahstraße.
Als sie McDonald‘s hinter sich gelassen hatte, sah sie jemanden am Tatort. Im Brunnen stand ein nackter Mann und … sie wollte ihren Augen nicht trauen, aber es war wirklich so. Er stand im Wasser und wusch sich am ganzen Körper.
Auf der Wiese neben dem Brunnen lagen ein Rucksack und ein paar Plastiktüten. Es schien sich um einen Obdachlosen zu handeln. Jetzt wurde ihr auch klar, dass ihr Vater Recht gehabt hatte. Nicht der Mörder wusch seine Opfer, sondern sie taten es selbst.
Plötzlich sah sie im Augenwinkel noch etwas. Irgendwer bewegte sich in den Schatten des Nöllenhofcenters und näherte sich der Szenerie von der anderen Seite. War er das vielleicht? Konnte das der Mörder sein?
Lena-Marie war alarmiert. Instinktiv griff sie sich an die Hüfte, wollte ihre Dienstwaffe ziehen. Doch statt dieser hing dort nur ihr Musicplayer.
»Scheiße!«
Trotzdem schlich sie sich weiter auf den Brunnen zu. Der Mörder arbeitete nicht mit Schusswaffen. Er stach auf seine Opfer mit einem Messer ein. Gegen eine solche Waffe konnte sich die kleine Frau zur Wehr setzen. Sie hatte genug Selbstverteidigungskurse und Erfahrungen in ihren Diensteinsätzen gemacht. Hier und jetzt konnte sie ein Leben retten und einen Mörder zur Strecke bringen.

Inspektor Schmidt hatte seinen Wagen in der Seuthestraße abgestellt und war noch ein paar Minuten im Innern sitzen geblieben.
»Ich bin so ein Idiot. Warum habe ich mich nur um diese Zeit nach draußen treiben lassen. Ich bin doch bescheuert. Und dann auch noch in diesem Aufzug.«
Er sah an sich herab und kam sich in seinem Pyjama ziemlich lächerlich vor. Er seufzte.
»Nützt ja alles nichts. Jetzt bin ich schonmal hier. Dann kann ich mich auch mal unschauen.«
Er verließ den Wagen und schlich sich von Schatten zu Schatten, die die frühe Dämmerung auf die Straßen warf.
Als er um die nächste Ecke sehen konnte, lag der Brunnen direkt vor ihm. Im Wasser stand ein älterer, nackter Mann, der sich gerade äußerst genüßlich am ganzen Körper wusch und ein Liedchen vor sich hin trällerte.
»So bekommt der Killer also seine Opfer. Sie waschen sich und werden anschließend getötet. Pervers.«
Schmidt hockte sich hinter eine große Mülltonne. Von dort aus hatte er alles im Blick, war gut versteckt und konnte trotzdem jederzeit loslaufen und eingreifen, falls dies nötig wurde.

Lena-Maries Herz schlug ihr bis zum Hals. Der vermeintliche Mörder hatte sich dem Brunnen bis auf wenige Meter genähert und war nun in Deckung gegangen. Er schien alles im Auge zu behalten, auf den richtigen Moment zu warten, um zuzuschlagen.
Sie schlich sich näher an ihn heran, überquerte die Straße und kam tatsächlich unbemerkt an ihn heran. Doch was nun?
Sie sah sich schnell um, fand einen Stock und drückte dessen Spitze in den Rücken des Mannes, der vor ihr hockte.
»Keine falsche Bewegung, du Penner. Ich bin von der Polizei und werde dich erschießen, wenn du auch nur eine falsche Bewegung machst. Und jetzt die Hände hoch.«
Ihre Stimme war kurz davor, sich vor Aufregung zu überschlagen.
Langsam hob der Mann die Hände in die Höhe und stand auf.
»Immer schön langsam. Es hat hier schon genug Tote gegeben. Ich werde trotzdem nicht zögern. Mein Zeigefinger ist grad ziemlich angespannt und jederzeit zu zucken beginnen. Und das wollen wir bestimmt beide nicht.«
»Ich bin es.«, sagte der Mann leise. »Ich bin es, Schmidt.«
Lena-Marie erschrak. Dann packte sie den Mann mit der anderen Hand an der Schulter und riss ihn herum. Vor ihr stand tatsächlich ihr Kollege.
»Schmidt, verdammt, was machen sie denn hier?«
»Das Gleiche, wie sie auch. Allerdings habe ich nicht vor, den Mörder mit einem Stock zu verhaften.«
Schmidt legte seine Hand auf seinen Holster. »Ich verlasse mich dann doch lieber auf meine Dienstwaffe.«
Sie hockten sich gemeinsam hinter den Müllcontainer und nahmen wieder den Obdachlosen ins Visier.
»Ist da drüben nicht jemand?«
Szymański zeigte zum Hademareplatz. Zwischen Hallenbad und Supermarkt schien eine Person zu gehen und kam auf direktem Weg auf den Schauplatz zu. Als sie den Badenden sah, blieb sie kurz stehen. Doch dann setzte sie ihren Weg langsam und leise fort und würde schon bald die Bahnhofstraße überqueren.
»Es ist so weit.«, sagte Schmidt kalt. Er stand auf und krempelte sich die Hosenbeine seines Schlafanzugs hoch.
»Es wäre besser, wenn wir ihn von zwei Seiten in die Zange nehmen könnten. Wenn wir ihm entgegen laufen, entkommt er uns vielleicht.«
»Das mache ich. Ich bin schneller.«
Lena-Marie stand auf und setzte sich in Bewegung. Sie rannte um den Nöllenhofcenter herum so schnell sie nur konnte. Es dauerte zwei Minuten, dann hatte sie den Brunnen wieder im Blick.
Der vermeintliche Täter hatte sich dem Tatort auf wenige Meter genähert und sah dem Obdachlosen dabei zu, wie er sich abtrocknete und ankleidete. Dann zückte er ein Messer und ging auf ihn zu.
»Waffe weg!«, rief Schmidt und kam aus seinem Versteck.
»Weg mit dem Messer, Arschloch!«, brüllte Lena-Marie und rannte wieder los. Doch sie wusste, dass sie nicht schnell genug sein würde, um ein Leben zu retten. Sie war noch zu weit entfernt. Und Schmidt stand zu ungünstig, um schießen zu können. Zwischen ihm und dem Mörder standen der Brunnen und das Opfer.
Der Obdachlose drehte sich um und griff in die Tasche seines Mantels. Er holte etwas daraus hervor, womit Lena-Marie niemals gerechnet hatte. Es war eine Schußwaffe.
Schnell feuerte er zwei Mal damit ab und brachte damit den Angreifer zu Fall. Dann setzte er sich ruhig auf den Brunnenrand und wartete, bis die beiden Kriminologen heran waren.
»Kommissar Zimmermann?«, war Schmidt verwundert. »Sind sie das etwa?«
Auch Lena-Marie fiel aus allen Wolken. »Chef? Was machst du denn hier?«
»Du sollst doch nicht immer Chef zu mir sagen, Schätzchen. In bin dein Vater.«
Er grinste die beiden an.
»Ich konnte nicht schlafen. Deswegen habe ich unseren Mann einfach eine Falle gestellt. Ich bin mir nur immer noch nicht sicher, was sein Motiv ist.
Der Mörder zu seinen Füßen lachte leise, während sich seine Hand um die Schusswunde verkrampfte.
»Ich hatte es satt, dass sich die Penner hier ständig waschen und das Wasser anschließend aufschäumt, wenn der Brunnen eingeschaltet wird. Meine Leute und ich müssen dann jedes Mal den Dreck weg machen.«
Er zuckte noch einmal und sog mit letzter Kraft Luft in seine Lungen. Dann erschlaffte sein Körper und flüchtete sich in den Tod.

Die weiteren Ermittlungen ergaben, dass der Serienkiller bei den Stadtwerken gearbeitet hatte und für die Sauberkeit des Brunnens zuständig gewesen war. Die regelmäßig auftretenden hohen Schaumberge waren ihm ein Dorn im Auge gewesen und er hatte die Verursacher umgebracht.

Dieser Krimi ist Teil meiner Reihe „Foto des Monats“. Im Juni 2018 ist das Thema „Schaumparty“. Weitere Storys dazu findest du hier!

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