Zimmermanns Revier (41) – DNA

DNA

Die Zeiger der Wanduhr hatten die Mittagsstunde schon fast erreicht, als er langsam die Augen öffnete und herzhaft gähnte. Dann passierte etwas, das es in den letzten sechseinhalb Jahrzehnten nur selten gegeben hatte. Es stahl sich ein Grinsen in sein Gesicht.
»Ist das nicht ein wahnsinnig toller Tag?«, stellte er sich eine rhetorische Frage. »Ja, absolut. Das ist ein super Tag. So muss der Ruhestand beginnen. Perfekt wird es nur noch durch einen großen Pott schwarzen Kaffee.«
Kommissar a.D. Zimmermann schwang sich aus dem Bett, marschierte in die Küche und warf die Kaffeemaschine an. Dann schlurfte er ins Bad.
Während er sich im Spiegel betrachtete, kratzte er sich mit den Fingernägeln über den Dreitagebart. Seine Hand machte bereits eine Bewegung zum Rasierer. Doch dann stoppte sie.
»Ach was soll’s. Muss ich etwa ins Büro? Nee. Dann kann ich auch mal Fünfe grade sein lassen. Außerdem sieht’s doch gar nicht so schlecht aus.«
Grinsend ging Zimmermann, nur mit seinem uralten Bademantel bekleidet, das Treppenhaus nach unten, holte die Zeitung und setzte sich dann an den Küchentisch. Der Kaffee war mittlerweile fertig und verteilte dampfend seinen Wohlgeruch in der ganzen Wohnung.
»Dann schauen wir mal, was sich in der Welt tut und ob sie sich ohne mit noch weiter dreht.«
Es waren die üblichen Nachrichten, die es tagtäglich gab. Aus Berlin kam nicht sehr viel, da sich die Politiker allesamt noch im Weihnachtsurlaub befanden. Dafür waren die Lokalseiten umso umfangreicher.
Doch der erste Bericht, der Zimmermanns Interesse weckte, war erst im hemeraner Teil zu finden.
»Was? Ein Mordfall?« Zimmermann war außer sich. »Sauerei. Warum hat mich niemand informiert? Glauben die etwa, sie könnten den Fall ohne mich lösen? Ich bin der beste Ermittler weit und breit.«
Er suchte nach seinem Diensthandy, wurde sich dann aber schnell wieder bewusst, dass er keines mehr bei sich hatte.
»Verdammter Ruhestand. Wenn ich das bloß vorher gewusst hätte. Ich sitze hier an meinem langweiligen Küchentisch, während die anderen ihren Spaß haben. Pensionär zu sein hat doch nicht nur Vorteile.«
Er seufzte. Nun wurde ihm das erste Mal klar, dass er nichts zu tun hatte. Er besaß keine Hobbys, mit denen er sich nun die Langeweile in seiner üppigen Freizeit vertreiben konnte.
»Was mache ich denn jetzt nur? Ich kann doch nicht meine Tage in Arztpraxen verbringen, wie es andere alte Leute machen.«

»Scheiße!«, brüllte Kommissarin Lena-Marie Szymański durch das Büro. »Scheiße, Scheiße, Scheiße!«
Sie knallte ihrem Assistenten Inspektor Schmidt die Tageszeitung auf den Schreibtisch.
»Was soll der Scheiß? Ich dachte, es wäre eine Nachrichtensperre verhängt worden. Warum steht jetzt hier alles schwarz auf weiß in der verdammten Zeitung?«
Schmidt zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich habe mit niemandem gesprochen. Eigentlich sollte, bis auf uns, niemand wissen, dass hier in der Stadt ein Mord geschehen ist.«
Die Kommissarin seufzte. »Man, das ist mein erster Mordfall, seit ich das Kommissariat übernommen habe. Ich hab keine Lust, dass mich die Presse auseinander nimmt oder mich an meinem Vater misst. Ich will die Ermittlungen einfach nur in Ruhe abschließen und den Fall lösen, bevor jemand anfängt, mich für meine Methoden zu kritisieren und mich damit von der Arbeit ablenkt.«
In diesem Moment klingelte das Telefon. Schmidt sah zu Szymański, die nur genervt nickte. »Wenn es ein Medienvertreter ist, bin ich nicht da.«
»Kommissariat Hemer, Büro Szymański, Schmidt am Apparat.«
Der Inspektor nahm sich seinen Notizblock und einen Stift zur Hand. Er nickte mehrfach, gab hin und wieder ein einsilbiges Ja von sich, bis er schließlich den Hörer seiner Vorgesetzten reichte.
»Er ist ihr Vater. Er möchte gern etwas mehr über den aktuellen Fall erfahren.«
Lena-Marie verdrehte die Augen. »Das hat mir gerade noch gefehlt. Ich will nicht, dass er sich in meine Ermittlungen einmischt. Nicht bei meinem ersten Fall – egal wie gut er ist.«
Sie nahm den Hörer und setzte sich hinter ihren Schreibtisch.
»Hallo Chef! Wie geht’s dir?«, versuchte sie ein möglichst neutrales Gespräch zu beginnen.
»Wie läuft’s?«, kam die Antwort. »Was habt ihr schon erfahren? Kann ich euch helfen? Braucht ihr mich?«
»Nein! Wir kommen gut klar.«, drückte sie das Gespräch weg.
Die Bürotür öffnete sich. Zimmermann trat ein und schwenkte mit seiner Kaffeetasse vor sich her.
»Ich habe gehört, hier gibt es erstklassigen Kaffee. Habt ihr ’ne Tasse voll für mich?«
»Was willst du hier?«
»Helfen. Ich hab grad Zeit.«
Lena-Marie seufzte. Sie wusste, dass sie verloren hatte.
»Also gut. Setz dich. Ich zeig dir, was wir bisher haben.«
Zimmermann füllte sich seine Tasse mit Kaffee und nahm dann hinter seinem alten Schreibtisch Platz.
»Es ist eine Frau ermordet worden. Der Kopf, die Hände und die Füße wurden abgetrennt. Wäre so weit nicht ungewöhnlich. Alles entfernt, was einer schnellen Identifizierung zu Gute kommt. Seltsam nur, dass alles noch neben der Leiche lag. Dazu Unmengen DNA Spuren einer zweiten Person.«

»Wo ist das Problem?«, fragte Zimmermann. »Ihr habt DNA Spuren. Damit habt ihr auch den Täter. Wenn ich bei meinen vielen Fällen überhaupt so viele Informationen bekommen hätte. Der Fall ist so gut wie abgeschlossen.«
Er leerte seinen Kaffeebecher in einem Zug, lehnte sich zurück und seufzte wohlig.
»Man, wie schön mein Arbeitsleben gewesen wäre, wenn ich früher schon so schnell auf die Lösung gekommen wäre.«
Seine Tochter knallte ihm einen Ordner auf den Tisch und öffnete ihn.
»Wir haben einen Verdächtigen ausfindig machen können. Es ist der Ehemann der Toten.«
»Täter, Schätzchen, Täter. Die Beweislage scheint doch eindeutig.«
»Leider nicht.«, begann Szymański zu erklären. »Natürlich haben wir uns eingehend mit Verwandten und Freunden des Opfers beschäftigt und DNA-Proben gesammelt. Dabei sind wir dann sehr schnell bei ihrem Mann gelandet.«
»Ja, dann ist doch alles Bestens. Nehmt den Mann fest.«
»So einfach ist es aber nicht. Der Ehemann hat ein Alibi. Es ist hieb- und stichfest.«
»Aber wie soll das gehen?«, schüttelte Zimmermann den Kopf. »Wie sollen denn dann die ganzen Spuren am Tatort entstanden sein?«
»Der Ehemann liegt im Krankenhaus und erholt sich. Er befindet sich derzeit in einem keimfreien Raum, wird von diversen Geräten überwacht und wartet auf die Nachricht, dass er seine Leukämie besiegt hat. Seine Knochenmarkstransplantation liegt noch nicht lange zurück. Ich bin froh, dass wir überhaupt eine Blutprobe zur Untersuchung bekommen haben.«
Scharf sog sie neue Luft in ihre Lungen. »Verstehst du das? Er ist zu schwach, um überhaupt das Bett zu verlassen. Er kann es nicht gewesen sein, auch wenn alle Indizien dafür sprechen. Wir verstehen es ja selbst nicht. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit.«
Zimmermann schloss langsam die Augen und zog die Stirn kraus.
»Ich habe schon sehr viel in meiner Laufbahn erlebt, aber so etwas auch noch nicht. Wie kann es sein, dass wir mittlerweile über verdammt moderne Ermittlungsmethoden verfügen und dann trotzdem nicht weiter kommen?«
Er warf einen Blick in seine Tasse. »Ich brauche einen neuen Kaffee. Einen richtig starken und schwarzen. So schwarz wie der schwarze Gürtel im Kampfsport.«
Seine alten Kollegen grinsten. Der Kommissar war wieder mit von der Partie. Er hatte Blut geleckt und wollte unbedingt einen Verbrecher zur Strecke bringen.

Ein paar Tage später spazierte Zimmermann durch die Stadt. Seit er das letzte Mal im Kommissariat gewesen war, drehten sich seine Gedanken nur noch um den Mordfall.
Es war nicht gerade einfach, einen Täter zu überführen, wenn man über begrenzte Möglichkeiten verfügte. Er bekam zwar immer wieder die eine oder andere Information von seiner Tochter, musste aber trotzdem genügsam bleiben. Der Datenschutz und die Spielregeln der Polizei banden ihm buchstäblich die Hände.
Zimmermann erblickte ein Werbebanner an einer Hecke. »Heute noch typisieren lassen und dem Krebs den Kampf ansagen.«
»Passt ja.«
Er wollte schon weiter gehen und seine Gedanken spielen lassen. Doch dann besann er sich eines Besseren.
»Ach, warum eigentlich nicht? Wenn ich schon den Mordfall nicht lösen kann, vielleicht gibt es wenigstens auf einem anderen Weg die Möglichkeit, ein Leben zu retten.«
Er folgte dem Werbebanner und betrat einen nahen Gemeindesaal, in dem sich schon einige Dutzend Menschen eingefunden hatten. Schnell fand Zimmermann eine Frau, die mit einem weißen Kittel bekleidet war.
»Sind sie Ärztin?«
Die Frau bejahte.
»Ich will mein Knochenmark spenden. Ich bin mir sicher, dass ich genug davon habe. Ich kann bestimmt einen Teil davon abgeben.«
Die Ärztin sah den alten Kommissar abschätzend an. »Wir alt sind sie?«
»Wieso? Wollen sie mich zu einem Date einladen?«, war Zimmermann amüsiert.
»Es tut mir leid, aber für die Spenden gibt es eine Obergrenze. Irgendwann ist es dafür zu spät.«
»Ich bin fünfundsechzig.«, nuschelte Zimmermann.
»Dann kommen sie leider nicht mehr in Frage. Es tut mir leid. Aber wenn sie Spenden freudige Freunde und Verwandte haben, wäre es wirklich sehr nett, wenn sie ein gutes Wort für uns einlegen würden.«
Sie lächelte und wollte sich gerade jemand anderem zuwenden, als der Kommissar sie am Ärmel griff.
»Ich hätte da mal eine Frage. Vielleicht können sie mir bei der Lösung eines scheinbar unmöglichen Problems helfen.«

»Ich glaub, ich drehe hier noch durch. Es kann doch nicht sein, dass ich meinen ersten eigenen Fall nicht gelöst bekomme. Das ist doch zum aus der Haut fahren.«
Lena-Marie schlug kräftig auf ihren Schreibtisch. Ein kräftiger Schmerz durchzuckte ihre Faust. Sie rieb sich den Handrücken. Auf der einen Seite verfluchte sie sich innerlich, so sehr die Kontrolle über sich selbst zu verlieren, dass es schon an Selbstverstümmelung heran reichte. Auf der anderen Seite half der Schmerz aber, die Gedanken wieder in geordnete Bahnen zu lenken.
Sie warf einen hilflosen Blick in Richtung ihres Assistenten, Inspektor Schmidt.
»Sollten wir nochmal mit den Ärzten in der Klinik sprechen? Vielleicht spielt uns der Ehemann auch nur was vor oder er hat trotz seiner Erkrankung den Reinraum verlassen.«
Aber Schmidt schüttelte nur den Kopf.
»Die Unterlagen sagen etwas anderes. Das Immunsystem des bisherigen Verdächtigen ist praktisch auf Null. Verlässt er sein Zimmer, wird ihn der erste Infekt, der ihm begegnet, aus dem Leben nehmen. Außerdem haben wir selbst gesehen, in welchem Zustand er sich befindet.«
Die Kommissarin seufzte. Sie wusste es selbst. Es musste aber irgendwas her. Sie wollte nicht schon zu Anfang ihrer Kommissariatsleitung versagen.
In diesem Moment öffnete sich die Bürotür. Zimmermann schlenderte grinsend herein, nahm sich einen Becher Kaffee und ließ sich hinter seinem ehemaligen Schreibtisch nieder.
»Was willst du hier?«, fragte seine Tochter, als er auch nach mehreren Minuten des Schweigens kein einziges Wort gesagt hatte.
»Och, ich dachte, ich schau mal vorbei, wie weit ihr mit euren Ermittlungen seid. Lasst euch also nicht stören. Ich sitze hier nur, trinke meinen Kaffee und höre euch zu.«
Er nahm einen tiefen Schluck aus seiner Tasse und seufzte wohlig.
»Herrlich. So muss Kaffee schmecken. Schön schwarz. So schwarz wie die Zukunft eurer Ermittlungen, wenn ihr nicht endlich den einen ganz bestimmten Tipp bekommt, der euch endlich in die richtige Richtung lenkt.«
»Hast du …?«, fragte Lena-Marie ungläubig. »Aber wie? Woher? Wer?«
»Ja, habe ich. Ich habe den Fall gelöst. Zum Teil, möchte ich nicht ganz ohne Stolz sagen. Aber ich da ich keinen offiziellen Dienstausweis mehr besitze, weiß ich den Täter nicht. Aber ich kann euch auf die Spur bringen. Den Rest müsst ihr erledigen.«
Er grinste breit und wartete.
»Jetzt spuck’s schon aus.«, herrschte ihn seine Tochter an. »Oder soll ich dich einbuchten lassen? Du behinderst unsere Ermittlungen.«
»Wäre nicht das erste Mal, dass ich gesessen hätte. Das schockt mich nicht mehr.«
Er holte einen Zettel aus der Innentasche seines Mantels und entfaltete ihn theatralisch.
»Euer Täter ist ein Spender. Ein Wohltäter und er hat diesen Umstand schamlos ausgenutzt.«
In den folgenden Minuten beschrieb er, was man ihm bei der Typisierung erklärt hatte.
»Der Mann im Krankenhaus ist unschuldig. Seine Stammzellen wurden vor der Spende komplett abgetötet, diese durch die Spende ersetzt. Ihr könnt echt froh sein, dass ihr von ihm überhaupt eine Blutprobe nehmen durftet.
Die DNA, die eure Profis entschlüsselt haben ist nicht die Ursprüngliche des Ehemanns, sondern die des Spenders. Dass da noch ein paar Unterschiede bestehen, werdet ihr erst bei einer genaueren, tieferen Analyse feststellen.«
Der jungen Kommissarin klappte der Kiefer herab. »Dann haben wir den Täter?«
Zimmermann nickte. »Dann haben wir den Täter. Ihr müsst nur noch bei der DKMS anfragen und euch die Daten geben lassen.«

Ein paar Stunden später saßen sie zu Dritt im Dienstwagen der Kripo. Begleitet wurden sie von mehreren Streifenwagen der niedersächsischen Polizei, die sie um Amtshilfe gebeten hatten. Im einem Dorf kurz vor Bremen lag das Ziel. Gerade bogen sie auf ein Grundstück ein.
Zimmermann sprang als erster nach draußen und klingelte. Ein Mann um die 40 öffnete ihm mit einem Seufzer.
»Wie sind sie darauf gekommen?«, fragte er nur.«
»Sie sind in der DKMS registriert. Wir brauchten nur jemanden, der uns die Zusammenhänge erklärt. Mich interessiert nur das Warum.«
»Ich wollte einfach mal wissen, wie es ist, einen Menschen zu töten. Ich schaue ständig diese vielen Krimis und wollte es unbedingt nachempfinden.«

(c) 2019, Marco Wittler

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