Zimmermanns Revier (42) – Die weiße Jungfrau

Die weiße Jungfrau

Ich war schweißgebadet. Meine überanstrengten Lungen brannten, als lägen sie auf einem Grill über den glühenden Kohlen und ich ausgeweidet daneben. Mein Atem rasselte, mein Herzschlag ging so schnell, dass er einem Presslufthammer locker Konkurrenz machen konnte.
In der Dunkelheit rannte ich eine Straße entlang und sah mich immer wieder panisch um. Ich konnte niemanden sehen, wusste aber umso besser, dass sie da waren. Sie waren mir dicht auf den Fersen. Ich konnte ihre Schritte und Rufe hören.
Sie wollten mich – meinen Tod. Dafür war ihnen jedes Mittel recht. Immer wieder knallte es laut. Der Donnerhall echote von den Hauswänden zurück. Kugeln sirrten ständig knapp an mir vorbei. Es war nur eine Frage der Zeit, bis eine von ihnen ihr Ziel – mich – traf.
Ich rannte weiter um mein Leben. Doch fiel war davon nicht mehr übrig. Entweder würde es durch meine Jäger beendet oder in wenigen Minuten durch die Anstrengungen dieses Laufes. Das war mein Körper einfach nicht gewohnt. Ich erahnte schon den nahenden Herzinfarkt, der mich in eine schwarze Leere tragen und meinen geschundenen Körper auf der Straße zurücklassen würde.
Dann mischte sich plötzlich ein neues Geräusch unter mein Keuchen. Es piepte von irgendwo her. Verwirrt sah ich mich um, konnte aber nichts entdecken. Dann blickte ich auf meine Armbanduhr, doch auch sie war stumm.
Würde mich dieses Geräusch verraten? Würde es meine Häscher auf meine Spur bringen?
In letzter Verzweiflung zog ich mein Handy aus der Tasche. Es war der vorprogrammierte Wecker, der sich lautstark zu Wort meldete.
»Geh aus, du verdammtes Ding! Halt endlich deine Klappe!«, fluchte ich.
Doch egal, wie oft ich auf das Display drückte, der Weckton ließ sich nicht stoppen.
Da schlug ich zum ersten Mal seit Stunden die Augen auf.

Verwirrt sah ich mich um. Die dunkle Straße war verschwunden, die mich verfolgenden Schritte verstummt. Mein Herzschlag und meine Atmung gingen zwar schneller als im Ruhezustand, doch im erträglichen Bereich.
Der einzige, der noch immer ununterbrochen quäkte, war mein Wecker.
Ich griff zum Nachttisch, nahm mein Handy und schaltete ab. Dieses verdammte, nervige Teil.
Dann ließ ich mich wieder auf das nass geschwitzte Kopfkissen fallen. Wieder einmal hatte mich der übliche Albtraum eingeholt und mir den Schlaf geraubt. Wie oft eigentlich noch?
Ich war froh, dass sich seit meiner Pensionierung keine Schusswaffe mehr in meiner Nähe befand. Nicht auszudenken, was alles während dieser Nächte hätte passieren können.
Ich mühte mich gequält und übermüdet aus dem Bett und schleppte mich zur Dusche. Erstmal den Schweiß der Nacht von meinem Körper waschen.
Zwanzig Minuten später saß ich in meinem alten Bademantel an meinem Küchentisch und hielt mich an einer heißen, dampfenden Kaffeetasse fest. Ich dachte über die letzten Stunden nach.
Warum befand ich mich immer wieder in den Klauen dieses Albtraums? Warum wurde ich immer wieder von Unbekannten verfolgt und gejagt? Warum gab es auf all diese Fragen keine Antworten?
War ich nicht schon lange genug aus meinem Berufsalltag heraus, um Abstand von Mord und Totschlag zu gewinnen? Drei Monate ohne Verbrecher sollten doch mehr als genug sein.
Ich nahm einen großen Schluck aus meiner Tasse und seufzte wohlig. Das war genau das, was ich brauchte, was mir meine Laune etwas aufhellte.
Ich griff zum Handy, wählte die mir seit Jahren bekannte Nummer und wartete darauf, dass jemand den Hörer abnahm.
»Kriminalpolizei Hemer, Büro Szymański.«, hörte ich die Stimme meiner Tochter.
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie gut dieser Kaffee ist.«, begann ich ihr zu erklären.
Ich hörte ein leises Kichern auf der anderen Seite der Leitung. »Wie schwarz ist er denn heute?«, fragte sie mich vergnügt.
»Er ist so schwarz, wie das Bulls Eye auf einer Dartscheibe.«, antwortete ich.
Lena-Marie blieb für ein paar Sekunden still, bevor sie etwas erwiderte.
»Du hast nie Darts gespielt, oder?«
»Wieso?«
»Dann wüsstest du, dass das Bulls Eye rot ist und nicht schwarz.«
»Ein Punkt für dich.«, seufzte ich in den Hörer und legte auf.
Irgendwie vermisste ich es schon. Die tägliche Fahrt zur Arbeit, den leckeren Kaffee mit den Kollegen, die nicht ernst gemeinten Sticheleien, das Gefühl gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles für die Menschen in meinem Revier zu machen. Irgendwie hatte ich mir das Dasein als Pensionär ganz anders vorgestellt. Aber nun war es zu spät. Ich stand auf dem Abstellgleis, gehörte zum alten Eisen. Meinen Job hatte jemand anderes übernommen. Ich war nur noch Zuschauer.
Ich seufzte ein weiteres Mal und dachte darüber nach, dass es ganz sinnvoll sein könnte, mir ein Zeit füllendes Hobby zu suchen.

Am späten Nachmittag saß ich auf meinem Balkon und starrte mit meiner gut gefüllten Kaffeetasse in die Ferne, während mir meine Tochter von der Arbeit erzählte, die einzige Abwechslung in diesen Tagen.
»Es ist langweilig, Chef.«, hatte sie schon beim Betreten meiner Wohnung gesagt.
»Nenn mich nicht immer Chef.«, ermahnte ich sie zum gefühlt eintausendsten Mal, während wir an die frische Luft gingen.
»Ich bin dein Vater, also nenn mich auf so.«, was sie auch zum gefühlt eintausendsten Mal gekonnt ignorierte.
»Es ist so friedlich in Hemer. Es kommt einem vor, als braue sich etwas zusammen. Du weißt schon, die Ruhe vor dem Sturm. Es ist unerträglich. Du kannst dir gar nicht vorstellen, womit wir uns die Zeit totschlagen.«
Sie nahm einen Kaffee entgegen und setzte sich.
»Wir bearbeiten Fahrraddiebstähle, Hasskommentare im Internet und ich habe schon zwei Katzen von Bäumen herunter geholt, weil ich zufällig gerade vor Ort war und der Feuerwehr ihre wertvolle Zeit sparen wollte. Ich brauche endlich mal etwas Richtiges zu tun.«
»Wem sagst du das.«
Lena-Marie stellte ihre Tasse ab und stützte sich mit den Armen auf der Brüstung ab.
»In Dortmund gab es immer irgendwas. Aber hier ists halt wie es ist. Landleben. Da wird dem einen ein Huhn aus dem Garten gestohlen oder ein paar Kinder klauen Kirschen vom Nachbarsbaum oder wir bearbeiten Meldungen von Geistersichtungen. Kannst du dir vorstellen, wie unterfordert ich mich fühle? Ich denke immer wieder über eine Versetzung in eine Großstadt nach. Meinetwegen in einen sozialen Brennpunkt. Einfach nur, um etwas tun zu können. Auch wenn die Landschaft hier weit und frei ist, fühle ich mich eingeengt.«
»Hm.«, murmelte ich. »So ging es mir in der ersten Zeit auch. Aber irgendwie habe ich mich dann doch eingewöhnt. Hemer ist gar nicht so schlecht, wie man denkt. Es hat definitiv seine schönen Seiten.«
Irgendwie ließ mich da etwas nicht los. Etwas hatte sich in meinem Kopf fest gefressen.
»Wie war das doch gleich?«, fragte ich noch einmal nach. »Geistersichtungen?«
Lena-Marie nickte. »Ja, ist das nicht bekloppt? Ich hab das zuerst für einen schlechten Scherz gehalten. Aber mittlerweile häufen sich die Meldungen. Ein paar Leute wollen in Riemke Gespenster gesehen haben. Das ist doch mehr was für Ghostbusters, die Twilight Zone oder sowas. Aber wir als Kripo können uns doch nicht um sowas kümmern.«
Sie verdrehte die Augen.
»Wie wäre es, wenn ich mir das mal anschaue?«, fragte ich vorsichtig nach. »Hast du was dagegen, mir die Zeugenaussagen zu zeigen? Ich könnte ein wenig recherchieren, mich umhören und umschauen. Ich hab grad etwas Zeit übrig.«
»Ach, Chef.«, sah sie mich mitleidig an. »Du weißt doch. Datenschutz und so. Ich darf dir nichts zeigen. Das weißt du doch.«
So schnell wollte ich aber nicht locker lassen. Das Thema hatte mein Interesse geweckt.
»Du musst es doch gar nicht mitbekommen.«, schlug ich vor. »Ich komme einfach auf einen Kaffee vorbei. Wenn dann da zufällig ein paar Akten offen herumliegen …«
Den Rest ließ ich offen. Sie hatte eh schon begriffen, worum es mir ging.
»Mach aber keinen Ärger.«, ermahnte sie mich mit strengem Blick. »Komm Morgen früh vorbei. Vielleicht bin ich dann gerade an der Sache dran, so unwahrscheinlich das auch sein mag.«
»Danke.«, sagte ich leise.
»Wofür?«, fragte sie grinsend. »Ich habe dir keine Informationen gegeben, sondern dich nur auf einen Kaffee eingeladen.«
»Ich komme eh nur vorbei, um meinem langjährigen Kollegen Schmidt einen Besuch abzustatten. Wir sehen uns eh viel zu selten, seit ich nicht mehr zum Team gehöre.«

»Guten Morgen, Leute!«, begrüßte ich Lena-Marie und meinen alten Kollegen Inspektor Schmidt. Meine ungewohnte Fröhlichkeit zog gleich verwirrte Blicke auf mich.
»Alles in Ordnung, Chef?«, fragte meine Tochter irritiert.
»Ja klar. Ich bin nur auf einen Kaffee vorbei gekommen. Meine eigene Maschine streikt gerade und wartet darauf, von einem Techniker wieder auf Vordermann gebracht zu werden.«
Sie lachte mich an. »Du glaubst doch wohl nicht, dass man das alte Schätzchen noch retten kann.«
Ich zuckte mit den Schultern und setzte mich vor ihren Schreibtisch, während Lena-Marie aufstand und gemütlich zur Kaffeemaschine schlenderte. »Dann werde ich dir mal deine alte Tasse voll machen. Du trinkst schwarz, wenn ich mich richtig erinnere?«
Ich nickte wortlos und sah im Augenwinkel, wie sich Schmidt zum Fenster umdrehte und nach draußen blickte.
Ich selbst zog leise die vor mir liegende Akte etwas näher, drehte sie um und blätterte durch die Seiten. Die wichtigsten Fakten sah ich auf einen Blick: Ort der Sichtungen, Namen und Adressen der Zeugen nebst ihren recht kurzen Aussagen. Eigentlich ein Fall für den Rundordner. Aber ich hatte Blut geleckt. Ein Mordfall war zwar reizvoller, aber das hier musste für einen Pensionär ausreichen.
Ich holte mein Handy aus der Tasche, suchte verzweifelt nach der Kamerafunktion, konnte sie aber nicht finden.
In der Zwischenzeit war Lena-Marie mit meinem Kaffee fertig nd kam zurück. Schnell verwischte ich meine Spuren und ärgerte mich ein weiteres Mal darüber, dass ich mit dieser modernen Technik meine Probleme hatte.
Während meine Tochter um den Schreibtisch herum ging und meine Tasse abstellte, rutschte ihr ein Zettel aus der Tasche.
Ich hob ihn auf und entdeckte eine komplette Abschrift. Sie zwinkerte mir zu und schob den Kaffee rüber.
»Bitteschön, Chef. So wie du ihn gern hast. Tiefschwarz.«
Ich nahm einen großen Schluck, lehnte mich gemütlich zurück und seufzte wohlig.
»Bestens!«, musste ich sie loben. »So liebe ich das. Ein Kaffee, der so schwarz ist, wie Eisenoxyd.«
Meine Tochter runzelte die Stirn. »Warte mal. Ist Eisenoxyd nicht Rost und der ist … naja, rostrot eben.«
»Das ist nur bei Rost so, da noch Kristallwasser gebunden ist.«, gab ich mich oberlehrerhaft. »Reines Eisen(II)- oder Eisen(III)-Oxyd ist schwarz.«
»Ja, ja. So genau wollte ich es auch wieder nicht wissen.«, fauchte sie mit einem Grinsen zurück.
Die nächste halbe Stunde unterhielten wie uns über völlig unwichtige Dinge, die uns drei nicht wirklich interessierten. Es half aber dabei, den restlichen Kollegen im Gebäude ein Alibi für mein Erscheinen zu bieten – nur für den Fall, dass jemand herein kam.
Dann verabschiedete ich mich, fühlte noch einmal nach dem Zettel in meiner Tasche und verschwand.
Ich hielt es nicht lange aus. Ich wollte nicht warten, bis ich zu Hause am Küchentisch sitzen konnte. Ich wollte sofort wissen, was es mit den Geistern auf sich hatte. Doch vor dem Revier konnte ich unmöglich den Zettel hervor holen. Also ging ich schnellen Schrittes zur Stadtbücherei und suchte mir eine ruhige Ecke.
Meine Hände zitterten vor Aufregung. Endlich wieder Arbeit. Endlich wieder eine Ermittlung durchführen können.
Ich faltete das Blatt auseinander und legte es vor mich auf den Tisch und las, was dort geschrieben stand.
Mehrere Personen hatten eine weiße, geisterhafte, junge Frau im Ortsteil Riemke gesehen. Sie sollte zwischen alten Eichen gewandelt und rund um den Schlammteich gesichten worden sein.
In der Beschreibung waren sich die Zeugen ziemlich einig gewesen. Sie sollte sogar mehrfach bei der so gut wie ausgestorbenen Beschäftigung des Spinnens beobachtet worden sein.
Eine seltsame Sache, musste ich mir selbst eingestehen. Das klang nach alten Sagen und Geschichten. Sehr amüsant, wenn man auf so etwas stand.
Ich grübelte. Sagen? Da musste es doch passende Literatur geben. Ich stand also auf, steckte den Zettel wieder in meine Tasche und schlenderte durch die einzelnen Räume der Stadtbücherei.
Schnell wurde ich fündig. In einem kleinen Raum in der oberen Etage stand die entsprechende Literatur.
Ich sah durch die Bücher eines Regals, ging mit dem Finger an ihnen entlang und sammelte dabei den Staub der Geschichte ein. An einem kleinen Schmöker mit weißem Rücken blieb ich hängen.
‚Sagen aus der Stadt und dem Landkreis Iserlohn‘ von Heinrich Kleibauer.
Naja, nicht direkt Hemer, aber der alte Landkreis konnte passen.
Wie ein Schuljunge setzte ich mich in eine Ecke des Raums und blätterte durch die Seiten. Ich machte die Begegnung mit Teufeln, Riesen, Zwergen, Werwölfen und Geistern. Ich vertiefte mich in Erzählungen über die umliegenden Burgen und Schlösser, erfuhr einiges über die Pest und mehr. Spannender Stoff. Für mich eine fesselnde Lektüre. Für die Menschen damals wohl unzählige Schreckgespenster.
Und dann, nachdem ich zwei Drittel geschafft hatte, fand ich den Hinweis, dem ich auf der Spur war: ‚Die Quelle in Riemke‘, in der tatsächlich von einer weißen Jungfrau die Rede war, die zwischen den alten Eichen wandelte und beim Spinnen beobachtet werden konnte.
Mir lief es kurz eiskalt den Rücken herunter. Konnte es tatsächlich wahr sein? Hatten die Menschen in Riemke einen Geist gesehen?
Ich schüttelte den Kopf. Ich war zu sehr Realist, um an Hokus Pokus zu glauben. Aber was, wenn es dann am Ende doch stimmte?
Ich stand auf und machte mich auf den Weg zum Ausgang, legte dort das Buch auf den Tresen.
»Ich möchte gerne eine Mitgliedschaftschaft beantragen und dieses Buch ausleihen.«, sagte ich.
Die nette Dame hinter der Theke sah sich den Titel an und glitt mit einem Scanner über das Buch.
»Tut mir leid.«, entschuldigte sie sich. »Aber dieses Buch steht auf unserer Sperrliste. Es zählt zu den Büchern, die im Falle eines Verlusts oder einer Beschädigung nicht ersetzt werden können. Da es sich um ein besonderes Zeitdokument unserer Heimat handelt, darf es nur innerhalb der Bücherei gelesen werden.«
Ich seufzte und nickte. »Danke. Ich werde es dann wieder an seinen Platz zurück bringen.«
»Was ist denn mit ihrer Mitgliedschaft?«
Ich schüttelte den Kopf. »Brauche ich jetzt nicht mehr.«, antwortete ich und verschwand in den nächsten Raum.
Ich sah mich um. Niemand in der Nähe. Dann steckte ich das Buch in meine Manteltasche, wartete drei quälend lange Minuten und verließ die Bücherei mit einem wortlosen Nicken zur Bibliothekarin und machte mich auf den Weg nach Hause. Das geliehene Buch würde ich in ein paar Tagen wieder her bringen.

An meinem Küchentisch, den ich zu meinem neuen Büro umfunktioniert hatte, sichtete ich die bisherigen Fakten und versuchte nach und nach meine Eindrücke zu sortieren.
Ich war bereits versucht, die aufgeführten Zeugen zwecks einer Befragung zu besuchen. Doch das konnte auch nach Hinten losgehen. Ich hatte keine schlüssige Erklärung, woher die Namen und Adressen stammten. Mir blieb nur eine einzige Alternative. Ich musste selbst zum Augenzeugen werden. Ich musste die weiße Jungfrau mit eigenen Augen sehen.
Anhand der Unterlagen wusste ich nur, dass sie immer am gleichen Wochentag angetroffen wurde. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag.
Ein Blick auf den Kalender zeigte mir, dass ich noch ein paar Stunden zur Vorbereitung hatte.

Die Dämmerung brach herein. In einen dicken Schlafsack engewickelt, saß ich am Fuße einer dicken Eiche und ließ den Schlammteich nicht aus den Augen, was bei den aktuellen Lichtverhältnissen nicht gerade einfach war. Eine große Thermoskanne Kaffee leistete mir als Kamerad und Launenverbesserer gute Gesellschaft. Jetzt musste ich nur noch warten und darauf hoffen, dass ich eine dieser seltsamen Nächte mir Geistererscheinung getroffen hatte.
Gern hätte ich ein weiteres Mal im Sagenbuch geblättert, aber die Benutzung einer Taschenlampe wäre kontraproduktiv gewesen.
Es wurde dunkler. Die phosphoreszierenden Zeiger meiner Armbanduhr näherten sich Mitternacht.
Während es die letzten Stunden über relativ ruhig um mich herum gewesen war, zog nun in Lüftchen auf und versetzte die Bäume um mich in Bewegung. Dann knackte es mehrfach aus verschiedenen Richtungen. Meine Aufmerksamkeit war voll da.
Und dann sah ich dieses Licht, das über den See schwebte. Sie war tatsächlich da. Die weiße Junfrau von Riemke. Mir stockte der Atem. Ich wollte weglaufen, aber der Schlafsack hinderte mich daran.

Ich saß noch immer in meinem Schlafsack und konnte mich kaum vor und zurück bewegen, während die weiße Jungfrau immer näher kam.
Der kalte Angstschweiß lief mir den Rücken hinab. Ich bekam Todesangst. Wie sollte ich dieser Erscheinung nur entkommen?
Es dauerte tatsächlich eine ganze Weile, bis ich wieder einigermaßen klar im Kopf wurde und mir einfiel, dass ich nur den Reißverschluss öffnen musste.
Ich riss ihn auf, mühte mich aus dem Schlafsack und schleuderte diesen wütend fort. Dann nahm ich die Beine in die Hände und rannte los.
Ein Blick über die Schulter ließ mich entdecken, dass mich das Wesen verfolgte. Es würde mich einholen und wer weiß was mit mir anstellen.
Ich blieb stehen, holte tief Luft und drehte mich um. Dann zog ich eine Schusswaffe aus meiner Tasche und legte an.
Es war gar nicht so einfach, einen wabernden Schemen anzuvisieren. Aber irgendwie musste ich mich doch verteidigen, mein Leben schützen.
Ich drückte ab. Mein Revolver knallte durch die Stille der Nacht. Nur den Bruchteil einer Sekunde später verschwand die weiße Jungfrau, begleitet von einem weiteren Knall auf der anderen Uferseite.
Ich atmete auf. Ich fühlte mich wieder sicher und wollte mich auf den Heimweg machen. Doch irgendwie kam mir das alles mehr als seltsam vor.
Was hatte da geknallt?
Ich holte meine Taschenlampe hervor und ging langsam um den Schlammteich herum. Ich watete durch Pfützen, stieg über dicke Wurzelstränge, stolperte über einzelne Steine und umrundete diverses Gestrüpp, bis ich etwas fand, dass nicht hierher gehörte.
Am Fuße eines Baumes lag ein Handy, daneben ein kleiner Videobeamer, der offensichtlich von meiner Kugel zerstört worden war. Das technische Equipment wurde von einer Nebelmaschine und einer großen Powerbank abgerundet.
»Das ist es also gewesen.«, murmelte ich in meinen Dreitagebart hinein. »Die weiße Jungfrau war nichts anderes als technischer Hokus Pokus.«
Auf dem Handy war wohl ein Video abgespielt und mit dem Beamer auf den künstlichen Nebel projiziert worden. Eine wirklich schlaue Idee. Die Frage galt nur dem ‚Warum‘.
Warum wollte hier jemand andere Menschen erschrecken? Da musste doch mehr sein, als nur ein Lausbubenstreich.
Und – verdammt nochmal, warum musste es im nächtlichen Wald nur so dunkel sein, dass man keine ordentliche Spurensuche machen konnte.
Ich entschloss mich also, wieder in meinen warmen Schlafsack zu kriechen und den Teich bis zum Morgengrauen im Auge zu behalten.

Der nächste Morgen ließ lange auf sich warten. Jedenfalls hatte ich das Gefühl. Als es dann endlich heller wurde, mühte ich mich von meinem Schlafplatz auf, streckte meine schmerzenden Glieder und rief meine Tochter an.
»Hier geht etwas Seltsames vor sich.«, berichtete ich ihr meine Beobachtungen.
»Und dafür reißt du mich um halb sechs in der Früh aus den Federn?«
»Ach ja.«, grinste ich in das Handy. »Und bring frischen Kaffee mit, wenn du kommst.«

Lena-Marie brauchte eine halbe Stunde, bis sie ungeschminkt und mit zerzaustem Haar vor mir stand.
»Du hast auch schon mal besser ausgesehen, Kleines.«
»Dito, Chef.«
Ich brachte sie zur Stelle, an der ich die Geistertechnik entdeckt hatte.
»Vom Beamer ist nicht mehr viel übrig. Aber vielleicht kann man aus dem Handy ein paar Daten auslesen.«, schlug ich vor.
Lena-Marie sammelte, bekleidet mit einem Paar rosa Gummihandschuhen, alles in eine Kiste.
»Ich schaue mal, dass die Mädels in der Spurensicherung da einen Blick drauf werfen.«
»Mädels?«, fragte ich erstaunt.
»Die Welt dreht sich weiter, Chef.«, grinste sie mich an. »Uns Frauen gehört die Welt und so langsam machen wir uns auch in den früheren Männerberufen breit.
Was hast du sonst noch letzte Nacht entdeckt?«, wechselte sie wieder das Thema.
Ich zuckte nur mit dem Schultern. »Nicht viel. Ohne Tageslicht auch nicht ganz einfach.«
Wir machten uns also auf die Suche und sahen uns das nähere Umfeld an.
Nach rund zehn Minuten fielen uns dann ein Platz im Wald auf, an dem der Boden relativ frisch umgegraben wirkte.
Es waren drei Stellen, die jeweils rund ein mal zwei Meter maßen.
»Ich habe da ein ganz mieses Gefühl.«, sagte ich.
Lena-Marie nickte, als sie die Nummer der Kripo anwählte. »Ich fordere Verstärkung an.«

Ich hasste es, wenn ich ein mieses Gefühl in der Magengrube bekam. In der Regel bestätigten sich dann meine dunklen Vorahnungen. Auch in diesem Fall sollte es bestimmt so sein.
Da standen wir nun, Lena-Marie, Inspektor Schmidt, ein paar mit Schaufeln bewaffnete Beamte, die Spurensicherung und meine Wenigkeit mitten im Wald.
Eigentlich war es eine malerische Gegend, doch mein nächtlicher Fund sollte dies nun zerstören.
Vorsichtig gruben die Männer die Erde vor uns um. Die jeweils einen mal zwei Meter großen Flächen sagten schon mehr als wir sehen konnten.
Es dauerte auch nicht lange, bis es einen ersten Fund gab. Ein großer, schwarzer Plastiksack kam zum Vorschein. Es handelte sich offensichtlich um einen Leichensack. Nur Minuten später förderten auch die anderen Männer ähnliche Funde zu Tage. Wir hatten ein kleines Massengrab entdeckt.
»Handschuhe und Mundschutze anlegen!«, wurden wir von Lena-Marie angewiesen. »Das könnte jetzt echt eklig werden.«
Sie öffneten die Säcke und sofort wehte uns ein extremer Verwesungsgeruch entgegen. Nachdem die erste Übelkeit verflogen war, sahen wir im Innern Knochen, verwestes Fleisch, diverse Körpersäfte und Unmengen Ungeziefer, dass es sich offensichtlich schmecken ließ.
»Verdammte Scheiße! Was ist hier bloß passiert?«, entfuhr es mir.
Widerwillig bückte ich mich, um die Leichen näher unter die Lupe nehmen zu können. Eigentlich war das nicht meine Aufgabe. Pensionäre gehörten in die zweite Reihe – wenn überhaupt. Aber man ließ mich gewähren, vertraute auf meine Erfahrung.
»Die sind hier nicht einfach nur verbuddelt worden, der Mörder hat sich offenbar mehr Arbeit gemacht.«
Ich lenkte die Blicke der anderen auf verschiedene Stellen an denen offensichtlich eine Säge ganze Arbeit geleistet hatte. Alle Leichen wiesen die gleichen Verletzungen auf.
»Nach der Zerteilung wurde alles wieder an seinen Platz arrangiert und dann hier vergraben. Sieht mir nach einem festen Ritual aus. Wahrscheinlich ein Serientäter.«

Einen Tag später besprachen wir uns mit der Spurensicherung. Ich war froh, wieder mit an Bord sein zu dürfen. Leider waren die Erkenntnisse etwas dürftig. Es gab am Fundort nichts, was irgendwie auf einen Täter hinwies. Keine DNA, keine Spuren von Fußabdrücken oder Kleidungsfasern. Bis auf die normale Fauna und Flora waren die Gräber klinisch tot und absolut sauber.
Die einzigen Erkenntnisse waren die, dass die Leichen in einem Abstand von jeweils einer Woche getötet worden waren. Um wen es sich handelte, musste noch geklärt werden.
»Da war ein Profi am Werk.«, seufzte ich.
Ich wartete gespannt ab, wie nun meine Nachfolger in dem Fall weiter verfahren würden. Es fehlte ihnen allerdings an Ideen.
»Ihr solltet den Schlammteich im Auge behalten. Das wird nicht die letzte Tat gewesen sein.«, schlug ich vor.
»Aber wir können nicht Tag und Nacht im Wald sitzen. Wie soll das funktionieren? Außerdem hast du die Technik ruiniert. Der Täter wird nicht mehr kommen.«

Vielleicht hatte meine Tochter mit ihrem Einwand recht. Dennoch wollte ich mich damit nicht zufrieden geben. Also hatte ich mich allein zurück nach Riemke begeben. Ein neuer Beamer war schnell gefunden und das sicher gestellte Handy durch mein eigenes ersetzt. Der Geist konnte also in der kommenden Nacht wieder erscheinen.
Ich lag in einem frisch geschaufelten Erdloch und hatte den Fundort gut im Auge. Lediglich die drei Gräber hatte ich nicht mehr füllen dürfen. Die Ermittlungen dauerten noch an. Doch das sollte in der Dunkelheit nicht so schnell gesehen werden.
Ich wartete … und wartete … und wartete. Es kam die erste Nacht, dann die zweite. Es geschah nichts. In der dritten Nacht dachte ich bereits daran, aufzugeben. Ich musste mich mehr als einmal streng ermahnen und zusammenreißen.
Als ich dann in der vierten Nacht einen knacken Zweig hörte, spannte sich mein ganzer Körper an.
Es knackte wieder.Da kam jemand.
»Scheiße!«, hörte ich einen Fluch. Dann sprang ich auch schon aus meinem Versteck und zog meine Schusswaffe.
»Fallen lassen!«, sagte ich mit fester Stimme zu dem Fremden, der mit langsamen Bewegungen einen großen, schwarzen Sack auf den Boden legte und sich umdrehte.
»Sie müssen das verstehen.«, stammelte er. »Der Typ da hat seinen Tod verdient. Er hat eine Frau vergewaltigt und wurde aus Mangel an Beweisen nicht verurteilt.«
Er zeigte auf die nun leeren Gräber. »Sie haben es alle verdient. Ich habe nur für Gerechtigkeit gesorgt, so wie der Typ im Fernsehen.«
Fernsehen? Wovon sprach dieser Irre? Ich suchte im hintersten Hinterstübchen, bis mir ein Serienkiller einfiel, der in Miami bei der Spurensicherung einfiel.
»Wir leben immer noch in einem Rechtsstaat.«, sagte ich. »Ihr Motiv in allen Ehren, aber Selbstjustiz ist nicht die richtige Lösung.«
Er nickte nur und wirkte plötzlich irgendwie erleichtert.
»Wenigstens ist es jetzt vorbei.«
Er atmete tief ein und streckte mir die Hände entgegen.
»Sie können mich festnehmen.«
Ich bekam ein schiefes Grinsen im Gesicht. »Dann müssen wir erstmal auf die Polizei warten. Ich bin bereits außer Dienst.«
Ich zog mein Handy hervor und rief Lena-Marie an. Der Fall war gelöst.

(c) 2019, Marco Wittler

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