Zimmermanns Revier (43) – Kleine Ladys

Kleine Ladys

Hemers Kommissarin Lena-Marie Szymański saß hinter ihrem Schreibtisch, hatte die Füße auf eben diesem abgelegt und nippte gemütlich an ihrer Kaffeetasse.
»Ist das nicht ein schöner, ruhiger und gemütlicher Tag?«, fragte sie ihren treuen Assistenten Inspektor Schmidt.
Schmidt lugte hinter der aufgeklappten Zeitung hervor, in die er gerade vertieft war und nickte kurz. Dann verschwand er wieder hinter seiner Lektüre.
»So lässt sich die Arbeit doch sehr gut aushalten. Entspannen und dabei noch Geld verdienen. Wenn es doch bloß immer so sein könnte. Aber das Verbrechen macht halt keine Pausen.«
»Es macht höchstens mal Sommerferien. Anders kann ich mir diese Ruhe auch nicht erklären.«, warf Schmidt ein.
Es klopfte an die Bürotür. Lena-Marie sah verdutzt zu Schmidt. »Arbeit? Jetzt? Wer kommt denn auf die dämliche Idee?«
»Herein!«, rief Schmidt.
Die Tür öffnete sich, Wachtmeister Fiedler kam herein, hinter ihm drei junge Mädchen im Alter von vielleicht zwölf Jahren.
»Wir wollen einen Mordfall melden.«, rief eine von ihnen sofort herein.
»Psst.«, wurde sie von Fiedler ermahnt. »Ich hab doch gesagt, dass ich erst rede und ihr danach dran seid.«
»Was gibt es denn Interessantes für uns?«, fragte Lena-Marie und winkte die Vier herein.
»Setzt euch doch. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen.«
Die Kommissarin stützte ihr Kinn auf den Händen ab und sah die Mädchen eindringlich an.
»Diese drei jungen Damen haben vor ein paar Minuten unsere Wache gestürmt, um einen, hm, naja, ‚Mordfall‘ zu melden, wie sie es ausdrückten. Sie wollten sich nicht abwimmeln lassen. Tut mir leid.«
»Sowas, ein Mordfall.«, wiederholte Lena-Marie. »Dann seid ihr bei der Kriminalpolizei genau richtig. Wir kennen uns ganz gut damit aus.«
Die Mädchen stellten sich als Hannah, Leonie und Emma vor. Hannah, die für die anderen Zwei sprach, holte ihr Handy aus der Tasche und zeigte ein paar Bilder, die sie vor etwa einer Stunde gemacht hatte. Darauf war nicht etwa ein Mensch zu sehen, es war eine Katze. Tot.
»Sie ist überfahren worden.«, erklärte Hannah. »Den Täter haben wir nicht gesehen, sein Auto auch nicht, aber wir haben wenigstens Reifenspuren. Damit sollte er sich doch ermitteln lassen, oder?«
Szymański wischte auf dem Handy durch die einzelnen Bilder und schüttelte immer wieder leicht den Kopf. Inspektor Schmidt, der nun auch wieder hinter seiner Zeitung hervor kam, übernahm es, den Kindern die traurige Botschaft zu überbringen.
»Wisst ihr, die Sache ist so: Autoreifen sind alles andere als selten. Es gibt zwar viele verschiedene Reifenhersteller, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Und diese haben dann wieder unterschiedlichste Reifen mit verschiedenen Profilen. Aber trotzdem ist es praktisch unmöglich, daran ein einzelnes Fahrzeug zu identifizieren. Ich fürchte, ihr seid umsonst zu uns gekommen. Da können wir nichts machen.«
Hannah war nun den Tränen nahe. »Aber, das kann doch nicht sein. Wie kann man einen Katzenmörder einfach so davon kommen lassen? Das geht nicht. Der Typ hat überhaupt keine Skrupel. Der schlägt bestimmt bald wieder zu. Und dann ist es vielleicht nicht nur ein Streuner, den niemand lieb gehabt hat, sondern ein Hund aus ihrer Nachbarschaft.«
»Wir würden euch wirklich sehr gern helfen.«, übernahm nun die Kommissarin wieder. »Ich leide mit euch, das kann ich euch versichern. Aber mein Kollege hat leider Recht. Ein paar Fotos der Reifenspuren reichen da nicht aus.«
Die Mädchen sahen sich wortlos an und nickten sich schließlich zu. Sie ließen alle die Schultern hängen und verabschiedeten sich. Als sie gerade das Büro verlassen wollten, wurde die Tür von außen geöffnet.
Ein älterer Mann in einem abgetragenen Mantel mit Dreitagebart im Gesicht und einem Kaffeebecher in der Hand kam herein.
»Ist das nicht ein verdammt noch mal schöner Tag heute?«, rief er gut gelaunt und erntete böse Blicke aus sechs Augenpaaren.
»Hä? Was ist los? Hab ich was falsch gemacht?«, fragte er verwirrt.
»Nur den falschen Zeitpunkt erwischt.«, begann Lena-Marie zu erklären und rollte dann den Fall der überfahrenen Katze noch einmal auf.
»Wie es aussieht kommt dieser Kerl also davon, Chef.«, schloss sie ihren Bericht.
Der Alte rollte mit den Augen. »Du sollst mich nicht immer Chef nennen. Ich bin dein Vater, wann kapierst du das endlich?«
Lena-Marie lachte und steckte damit auch die drei Mädchen an.
»Lasst mich mal die Fotos sehen.«, verlangte Kommissar Zimmermann a.D. und setzte sich mit an den Schreibtisch seiner Tochter.
»Und du füllst mir meinen Becher wieder auf.«, forderte er sie auf. »Du weißt ja, schön schwarz. So schwarz wie …«
»… wie Pandaflecken?«, schlug Emma vor.
Zimmerman beugte sich zu ihr. »Ganz genau, junge Dame. Ein Kaffee, der so schwarz ist wie Pandaflecken. Du weißt, wie ein ordentlicher Kaffee schmecken muss.«
Dann nahm er sich das Handy und blätterte durch die Fotos, sah sich jedes Detail genau an.
»Vielleicht kann ich da was machen. Die Leute von der Kripo sind sehr beschäftigt. Die können sich nicht um tote Katzen kümmern. Sie jagen die ganz großen Schwerverbrecher, müsst ihr wissen.«
Er zwinkerte den Mädchen kurz zu und sah weiter auf die Bilder. Plötzlich forderte eine Kleinigkeit seine volle Aufmerksamkeit.
Er zoomte in den betreffenden Teil des Fotos und drehte das Handy mehrfach im Kreis. Dann reichte er es seiner Tochter.
»Was hältst du davon? Was könnte das sein?«
Lena-Marie seufzte, hatte sie die Fotos doch alle schon gesehen.
»Eine tote Katze, was denn sonst?«
»Und was ist mit dem menschlichen Finger, der sich halb in ihrem aufgerissenen Bauch befindet?«
Die Kommissarin riss die Augen auf. »Scheiße!«

»Verdammt!«, fluchte Kommissarin Szymański. »Den Finger hab ich glatt übersehen. Hab ihn für Gedärm gehalten.«
Zimmermann zischte leise und nickte mit dem Kopf in Richtung der drei kleinen Mädchen.
»Nicht vor den Kindern.«
Lena-Marie nickte und bat Wachtmeister Fiedler, die Kinder aus dem Büro zu bringen, was er auch umgehend tat.
»Die Frage ist doch, wo hat die Katze den Finger gefunden?«, grübelte der alte Kommissar. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ihn von der Hand eines Menschen gebissen hat. Dafür wird ihr Kiefer nicht kräftig genug sein. Er muss also anderweitig abgetrennt worden sein. Und das sollten wir möglichst schnell herausfinden.«
»Wir?« fragte Szymański. »Du meinst wohl eher die hemeraner Kriminalpolizei. »Das ist ein Job für aktive Beamte.«
Zimmermann seufzte theatralisch. »Kaum ist man auf dem Rententeil, schon wird man nicht mehr für voll genommen.«
Er stand auf, zog seinen alten Mantel über und verabschiedete sich.
»Vielen sehen wir uns irgendwann wieder – wenn ich dann nicht schon an Altersschwäche verstorben bin. Vielleicht wird man mich dann auch erst Wochen später in meiner einsamen Wohnung auffinden, wenn es im Hausflur unerträglich stinkt und sich die Nachbarn davon belästigt fühlen.«
»Jetzt hau endlich ab!«
Lena-Marie griff nach einem kleinen Polizeiteddy, der auf ihrem Schreibtisch stand und warf diesen nach ihrem Vater, der ihnen grinsend auffing und dann durch die Tür verschwand.

Kurze Zeit später hatten sich die Kriminalisten am Fundort der Katze eingefunden. Sie befanden sich auf dem Parkplatz am stillen Weg, unweit des Waldfriedhofs in Sundwig.
»Das arme Tier ist tatsächlich überfahren worden.«, bestätigte der Beamte der Spurensicherung.
»Wird wohl einer der Friedhofsbesucher gewesen sein.«, vermutete Inspektor Schmidt. »Oder irgendwer, der hier den starken Mann machen wollte. Ich habe gehört, dass sich hier immer wieder junge Männer treffen, um sich gegenseitig ihre aufgemotzten Maschinen zu zeigen. Ist aber nur ein Gerücht. Nichts Genaues weiß man nicht.«
»Und was ist mit dem Finger?«, drängelte Lena-Marie. »Das ist doch der eigentliche Fund, um den wir uns kümmern sollten.«
Die Kollegen nickten.
»Wir können noch nicht viel sagen.«, kam nun der Pathologe hinzu. »Es ist der Finger einer Frau. Die Katze hatte nicht viel Zeit, um ihn zu verdauen. Sie hat ihn gefressen und ist wahrscheinlich innerhalb der nächsten halben Stunde überfahren worden.
Der Finger selbst wurde nicht abgebissen. Es handelt sich um einen relativ glatten Schnitt. Nicht so glatt wie von einem frischen Skalpell, aber ein Messer dürfte da im Spiel gewesen sein. Mehr kann ich aber erst sagen, wenn wir den Finger im Labor untersucht haben.«

Die Zeit zog sich hin. Während Szymański und Schmidt im Büro untätig Däumchen drehten, warteten sie auf die Ergebnisse aus der Pathologie. Immer wieder blickte die Kommissarin nervös auf das Telefon, das einfach nicht klingeln wollte.
Was ihre Laune noch weiter verschlechterte, war der Umstand, dass es keinerlei weitere Hinweise gab. Nichts. Null. Der Finger war das einzige Fundstück gewesen.
Das Telefon auf Schmidts Schreibtisch klingelte. Szymański kam wie ein Blitz aus ihrem Sessel hoch, sprang über ihren eigenen Schreibtisch hinweg und hechtete zu ihrem Assistenten. Dann griff sie nach dem Hörer und meldete sich mit keuchender Stimme.
Dann lauschte sie eine Weile der Stimme auf der anderen Seite, bis sie wieder auflegte.
»Es ist ein Frauenfinger. Das hat die DNA Analyse ergeben. Einen Hinweis hat die Untersuchung allerdings ergeben. Das verwendete Messer hat eine Kerbe in der Klinge. Diese hat sich im Schnitt verewigt.«
Sie seufzte. »Dann ist es ja nur noch eine Kleinigkeit. Wir müssen nur alle Messer in Hemer unter die Lupe nehmen. Sollte ja eine ganz einfache Aufgabe sein.«
Sie schlurfte zurück an ihren Schreibtisch und ließ sich in ihren Sessel fallen.
»Es wäre toll, wenn die DNA Analyse eine Übereinstimmung mit unserer Datenbank bringen würde, aber ich rechne nicht damit. Ich befürchte, wir müssen auf weitere Funde warten, was mich so richtig fertig macht.«

Der alte Kommissar hielt es nicht lange in seinen vier Wänden aus. Warum sollte er untätig seine Raufasertapete anstarren und sich dabei langweilen? Damit war niemandem geholfen, nicht der Polizei, nicht dem Opfer – nur dem Täter. Also machte er sich auf den Weg nach Sundwig.
Es waren nur wenige Kilometer die er zu Fuß zurück legte. Ein wenig Bewegung konnte nicht schaden. Der nieselnde Regen war gut zu ertragen. Der alte Mantel, den Zimmermann am Leibe trug, hielt ihn warm genug.
»Ach scheiß drauf.«, fluchte er irgendwann doch. »Die Zeiten, als mich Schmidt mit dem Wagen und einem Becher heißen Kaffee abgeholt hat, waren schon nicht ohne.
Na gut, auf die vielen Einwegbecher, die er dabei verbraucht hatte, hätte die Natur gut verzichten können. Aber das wusste er nun auch.
Rund eineinhalb Stunden war er unterwegs gewesen, bis er auf dem Parkplatz des Waldfriedhofs stand. Viel war nicht zu sehen, aber das hatte Zimmermann auch nicht erwartet. Hier war nur die Katze überfahren worden. Die eigentliche Tat woanders.
Der alte Kommissar zog sich seine Mütze tiefer ins Gesicht und betrat den Friedhof. Viel war nicht los. Der Regen hielt die Besucher ab. Ein älterer Mann stand betend vor einem frischen Grab, während eine alte Plastiktüte vom Wind über die Wiesen geweht wurde.
Zimmermann sah sich um.
»Eigentlich ein schöner, ruhiger und besinnlicher Ort hier. Warum bin ich vorher nie hier gewesen?«
Er stellte sich vor seinem inneren Auge vor, wie er unter einem der vielen Bäume zur letzten Ruhe gebettet worden war. Seine Tochter und Inspektor Schmidt kümmerten sich gemeinsam um das Grab, während sie von den neuesten Fällen der Kripo erzählten.
Der Alte schüttelte den Kopf. »So ein Blödsinn. Ich noch viel zu jung, um an sowas zu denken. Ich stehe in der Blüte meines Lebens.«
Er ging weiter die Wege entlang, schritt von Grab zu Grab. Dabei las er die einzelnen Namen auf den Grabsteinen. Der eine oder andere davon kam ihm vage bekannt vor.
Weiter ging es durch die einzelnen Reihen. Hier und da lagen völlig unübliche Grabbeigaben. Teddybären, Fotos, bunte Kreuze.
Und dann viel sein Blick auf eine Gruppe junger Leute, die sich zwischen den Gräbern herum trieben. Sofort war Zimmermanns Neugier geweckt.
Diese Personen sahen nicht nach normalen Friedhofsbesuchern aus, nicht nach Trauernden. Sie schienen auf der Suche nach etwas zu sein.
»Verdächtig.«, murmelte Zimmermann. »Sehr verdächtig.«
Er setzte sich auf eine Bank, holte sein Handy aus der Tasche und begann zu beobachten.
Die Fremden gingen von Grab zu Grab, hoben Kerzen ab, durchsuchten Büsche und Gräser. Eindeutig war man hier auf der Suche nach etwas.
»Ich glaube es wird Zeit, dass sich da jemand kümmert, der dazu befähigt ist.«
Wieder einmal trauerte er seinem Dienstausweis hinterher und dass er zur Untätigkeit verurteilt war. Das Einzige, das er machte konnte, unternahm er nun.
Zimmermann schaltete das Handy ein und rief die Kripo an.
»Hier auf dem Friedhof geht etwas Seltsames vor sich. Eine Gruppe junger Leute sucht etwas auf den Gräbern. Hat vielleicht nichts mit eurem aktuellen Fall zu tun, aber vielleicht ist es auch ein Glückstreffer. Ich hab da so ein Gefühl im Bauch.«

Es dauerte nicht lange, bis der Dienstwagen der Kripo auf dem Parkplatz hielt. Möglichst unauffällig näherten sich Inspektor Schmidt und Kommissarin Szymański kamen Arm in Arm auf den Friedhof, mimten ein Paar. Sie setzten sich mit auf die Bank, auf der Zimmermann immer noch wartete und die restlichen Besucher im Auge behalten hatte.
»Sie konzentrieren sich auf ein bestimmtes Areal von rund zwanzig Metern Durchmesser, wenn ich das richtig abschätze. Sie schauen wirklich überall nach, scheinen aber nicht zu finden, was sie suchen.«
»Ich gehe mir das mal ansehen.«, sagte Lena-Marie knapp, stand auf und ging quer über das Gelände. Als sie vor den jungen Leuten stand zog sie ihren Dienstausweis.
»Was geht hier vor? Sie wissen hoffentlich, dass sie hier die Totenruhe stören und sich damit strafbar machen.«
In diesem Moment brauch eine Frau in Tränen aus.
»Ich … ich suche meinen Finger.«
Sie hielt ihre Hand hoch, die amateurhaft verbunden war. Es waren nur vier Finger zu sehen.
»Wir waren am Wochenende hier, haben etwas viel getrunken und dabei mit einem Messer gespielt. Irgendwann war der Finger ab.«
Ein tragisches Schicksal. Trotzdem fiel es der Kommissarin nur schwer, ihr Grinsen zu verbergen. Nach so langer Zeit würde ein halb verdauerter Finger nicht mehr angenäht werden können.
Lena-Marie klärte die Gruppe über ihren Fund auf, dann erstattete sie den Kollegen Bericht.
»Wie wäre es mit einem warmen Kaffee für die Herren? Ich lade euch ein.«
»Das ist der beste Vorschlag, den ich ich heute gehört habe.«, freute sich Zimmermann.

(c) 2019, Marco Wittler

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*