Zimmermanns Revier (44) – Rinderwahn

Rinderwahn

Es war einer dieser typischen Herbsttage, wie man sie seit Äonen im Sauerland kennt. Trüb, grau, regnerisch. Es war ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Türe jagen würde. Stattdessen gab es tatsächlich Menschen, die die Angehörigen ihrer eigenen Art dazu zwangen, nach draußen zu gehen.
Einer dieser Unmenschen war mein Hausarzt. Er hatte bei meinem letzten Besuch in seiner Praxis festgestellt, dass ich etwas für meine Gesundheit machen sollte. Bewegung und frische Luft wurde mir verordnet. Täglich. Egal bei welchem Wetter. Außerdem sollte ich das Rauchen aufgeben und meinen Kaffeekonsum einstellen. Gerade ich.
Und aus diesem Grund stapfte ich nun durch die Gegend und grummelte genervt vor mich hin., während ich als einziger durch den ehemaligen Truppenübungsplatz am Sauerlandpark marschierte. Wie schon erwähnt, war es ein Wetter, bei dem sich nicht mal die vielen Hundebesitzer hier blicken ließen. Ich war allein.
Trotzdem blickte ich mich verstohlen um. Ich wollte sichergehen, dass mich niemand sah, während ich etwas Verbotenes tat. Ich hatte nämlich das Gefühl, dass mir meine Tochter in ihrer freien Zeit auflauerte, mich beobachtete, in ihrer irrigen Annahme, für meine Gesundheit verantwortlich zu sein.
Es war niemand zu entdecken. Ich drehte mich zu einem Busch um, holte einen metallenen Becher aus einer meiner tiefen Manteltaschen hervor und nahm einen großen Schluck des heißen Gebräus, das in ihm nur darauf wartete, meinen Motor mit seinem Gehalt an Koffein zum laufen zu bringen. Wie gut, dass es Bäckereien mit Coffee to go gab.
Die Wärme, die meine Kehle hinab rann, tat gut. Ein wohliges Gefühl machte sich in meiner Magengrube breit. Endlich wieder einen leckeren Kaffee. Das hatte mir in den letzten drei Tagen gefehlt.
Es war einer der schwärzesten Tage meines Lebens gewesen, als meine Tochter direkt nach der Diagnose meines Arztes die Kaffeemaschine meiner Küche konfisziert hatte.
Dieser Augenblick war schwärzer gewesen als der schwärzeste Kaffee der Welt, schwärzer als alles, was ich jemals in meinem Leben mit einem guten, schwarzen Kaffee verglichen hatte.
Deswegen hatte ich auf den jetzigen Moment so sehr hin gefiebert. Der erste Kaffee in dieser Woche. Und er tat unglaublich gut. Dieses Gebräu war genau nach meinem Geschmack. Stark, bitter und schwarz. Er war so schwarz, wie das Pech, mit dem Noah die Arche damals nach Gottes Auftrag wasserdicht gemacht hatte. Ein durchaus gelungener Vergleich. Ich war stolz auf meinen Einfallsreichtum, obwohl der Koffeingehalt meines Blutes auf einen Niedrigstand gefallen war, den mein Körper in den letzten fünfzig Jahren nicht mehr erlebt hatte.
Ich seufzte wohlig und drückte den Becher kurz an meine Brust, bevor ich ihn wieder in meinem Mantel verschwinden ließ, um meinen Weg fortzusetzen.
Ich ging den Weg weiter entlang, stapfte eine leichte Anhöhe hinauf und marschierte am großen Gehege der Heckrinder entlang. Von den Tieren war allerdings nichts zu sehen. Nicht unbedingt ungewöhnlich. Immerhin war das Gelände so groß und weitläufig, dass man als Besucher nie wissen konnte, wo sie sich gerade aufhielten.
Schade eigentlich. Wenn ich schon dazu gezwungen wurde, an die frische Luft zu gehen ohne einen Tatort besuchen zu dürfen, wollte ich wenigstens den ruhigen und gelassenen Riesen beim Grasen zuschauen.
Ich ging den Schotterweg weiter entlang, vorbei an der Aussichtshütte am Steinbruch auf der anderen Seite des Weges und dachte kurz darüber nach, mich bis zum Ende des Regenschauers unterzustellen. Doch meine Erfahrungen mit dem sauerländer Wetter erinnerten mich daran, dass sich hier ein Regen nur zu gern dauerhaft aufhielt.
Ich setzte also meinen Weg weiter fort, folgte der blauen Joggingroute, die mich schon bald bergab führte. Ein paar Minuten später wollte ich die kleine Holzbrücke überqueren, von der aus man weitere Teile der großen Weide überblicken kann, als ich sie entdeckte. Die Heckrinder lagen gemütlich im Gras und schienen zu schlafen.
Aber Moment! Schlafende Rinder im Dauerregen? Da stimmte doch etwas nicht. Als Kind des Ruhrpotts war ich nicht gerade ein Experte für Landwirtschaft und Tierhaltung, aber diese Situation kam selbst mir komisch vor.
Ich änderte meinen Weg, ging Richtung der Brücke, die Teil des Apricker Wegs war, um mir ein genaues Bild von der Lage zu machen. Kurz davor lagen die großen Tiere.
War es nicht eigentlich so, dass Rinder den Kopf selbst im Liegen aufrecht hielten, wenn sie wach waren?
Ich ging näher. Kein Rind reagierte auch mich. Sie blieben still und bewegungslos. Da stimmte etwas nicht.
Ich sah mich kurz um. Niemand zu sehen. Dann schob ich mich vorsichtig durch den Elektrozaun.
»Scheiße! Verdammt!«, fluchte ich laut. Trotz meiner Vorsicht hatte ich einen ordentlichen Stromschlag bekommen.
Ich rieb mir den geschundenen Handrücken und meinen Nacken. Dann trat ich zu den Tieren hinüber.
Und schon sah ich das Blut. Jedes einzelne Rind war stark verletzt worden. Die Kehlen waren stark mit Blut verkrustet, auch das übrige Fell war mit Wunden übersät. Die Tiere schienen regelrecht abgeschlachtet worden zu sein. Was war hier bloß geschehen?
Ein paar Meter weiter sah ich etwas im Gras glänzen. Ich ging näher, sah ein langes Messer da liegen. Ich hob es auf und erkannte es als Machete.
»Hey! Sie da!«, ertönte plötzlich eine laute Männerstimme hinter mir.
»Was machen Sie da bei den Rindern?«
Ich zuckte zusammen, hatte ich doch nicht damit gerechnet, dass genau in diesem Moment jemand auftauchte und ließ das Messer fallen.
Ich dachte kurz nach. Seltsam. Woher war der Mann gekommen? Der Weg war in beiden Richtungen weit genug einsehbar. Hatte ich ihn übersehen oder war ich mit der Untersuchung der Tiere länger beschäftigt gewesen als ich gedacht hatte? Trog mich meine innere Uhr so sehr?
»Ich habe die hier liegenden Rinder entdeckt und wollte mir anschauen, was passiert ist.«, erklärte ich, während ich wieder auf den Weg zurückging. Dieses Mal war ich vorsichtiger und bekam keinen Stromschlag.
»Sie lügen!«, schrie mich der Mann an. »Sie haben die Heckrinder getötet. Ich habe sie dabei erwischt. Ich werde die Polizei rufen.«
»Ich bin selbst von der …« begann ich zu erwidern, brach dann aber ab. »Ja, rufen Sie die Polizei. Dann wird sich alles aufklären.«
Kurz darauf traf ein Streifenwagen ein, in dem die alten Kollegen aus meiner aktiven Zeit saßen.

»Was hast du angestellt?«, fragte Lena-Marie, Zimmermanns Tochter und Leiterin der Kripo Hemer.
Ihr war natürlich klar, dass ihr Vater niemals auf die Idee kommen würde, eine Herde Rinder abzuschlachten, auch wenn er sehr gern Fleisch aß, aber momentan sah der Fall unglücklicherweise momentan danach aus.
»Ich habe nichts gemacht. Ich war spazieren und habe dann alles so vorgefunden, wie ihr es hier seht. Die Tat war bereits geschehen.«
»Nix da!«, mischte sich nun auch der bisher namenlose Passant ein.
»Ich habe genau gesehen, wie dieser Kerl völlig skrupellos auf die Weide marschiert ist und mit dem Messer ein Tier nach dem anderen aufgeschlitzt hat.«
Er wies mit der rechten Hand auf die Machete, die noch immer im regennassen Gras lag.
Inspektor Schmidt nahm den aufgebrachten Mann zur Seite und nahm dessen Aussage auf.
»Wie heißen sie eigentlich?«, fragte er irgendwann nach. »Zeigen sie mir bitte ihren Ausweis. Ich brauche das für die Akten.«
»Wie jetzt? Warum wollen sie meinen Namen? Leben wir hier etwa nicht mehr in einem Rechtsstaat? Und was ist mit dem Datenschutz? Ich muss gar nichts, hören sie?«
Schmidt seufzte theatralisch. »Ohne ihre persönlichen Daten können wir sie nicht kontaktieren. Im Falle einer Gerichtsverhandlung müssen sie geladen werden. Das geschieht auf dem Postweg.«
»Was? Gerichtsverhandlung? Sind sie denn wahnsinnig? Ich dachte, sie nehmen den Verbrecher da fest und lochen ihn ein.«
Er ließ die Schultern hängen. Sein Gesicht bekam verzweifelte Züge.
»Er war’s nicht. Ich hab mir das nur ausgedacht. Ich wollte mich auch einmal wichtig machen.«
Schmidt packte seinen Notizblock wieder ein, während Zimmermanns Gesichtsfarbe tiefrot wurde. Lena-Marie konnte ihren Vater nur mit Mühe zurückhalten.
»Der ist es nicht wert, Chef. Mach dir nicht die Hände schmutzig.«
Zimmermann atmete ein paar Mal durch, bis er sich wieder beruhigte. »Ich bin dein Vater, nicht dein Chef.«, murmelte er.
»Ich werd dann auch mal weiter gehen.«, stotterte der Passant.
»Nicht so schnell.«
Schmidt hielt ihn am Arm fest. »Sie haben hier falsche Verdächtigungen ausgesprochen, eine Falschaussage. Das ist strafbar. Ich hätte dann doch gern ihre Personalien.«
»Lasst den Kerl laufen. Der ist die Mühe nicht wert.«, lenkte Zimmermann die alten Kollegen zum Fall zurück. »Wir haben hier einen Fall zu lösen. Auch wenn es dieses Mal Rinder sind und keine Menschen. Für mich ist das trotzdem Mord.«

Im Büro saßen die Beamten über den wenigen Fakten und Fotos zusammen und dachten nach, welches Motiv, welcher Täter hinter der ganzen Sache stecken konnte. Neben der Kommissarin und Inspektor Schmidt war auch Wachtmeister Fiedler anwesend, der auf einem landwirtschaftlichen Betrieb groß geworden war.
Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür und Zimmermann schneite herein. Er warf seinen alten, abgeranzten Mantel über den Garderobenständer und nahm sich eine Tasse Kaffee. Dann nahm er sich einen Stuhl, stellte ihn mit der Lehne zum Schreibtisch und setzte sich falsch herum darauf.
Zimmermann nahm einen tiefen Schluck aus seiner Tasse und seufzte wohlig. »Das, liebe Leute ist ein richtig guter Kaffee. Der ist so stark und schwarz, wie die Nacht, aus der ich gerade hier herein gekommen bin.«
Alle sahen ungläubig aus dem Fenster. Tatsächlich war es stockdunkel draußen. Das lag nicht nur an der frühen Dämmerung im späten Herbst, sondern auch an den ausgefallenen Laternen auf der Straße.
»Kinder, wie weit seit ihr mittlerweile gekommen? Habt ihr den Fall schon ohne mich gelöst oder braucht ihr wieder meine Hilfe.«
»Es ist nicht ganz ungewöhnlich, dass jemand auf einer Weide grasende Tiere tötet oder verletzt.«, begann Fiedler. »In der Vergangenheit hat es immer wieder Meldungen aus ganz Deutschland gegeben, dass Verrückte oder Tierhasser nachts Tiere angreifen. Das passiert in der Regel mit Pferden, aber Rinder sind da wohl kein Tabu.«
»Ein spezielles Täterprofil gibt es da nicht.«, schloss sich Lena-Marie an. »Jeder Täter hatte ein sehr spezielles Motiv.«
Sie seufzte. »Du siehst, dass wir immer noch ganz am Anfang stehen. Wir haben im Endeffekt noch gar nichts. Wir können nur darauf hoffen, dass sich ein Zeuge von sich aus meldet – ein echter Zeuge, keine Wichtigtuer – oder der Täter entweder einen Fehler begeht oder ein weiteres Mal zuschlägt. Das Übliche also.«
Es klopfte an der Tür. Ein zweiter Wachtmeister kam ins Büro.
»Unten steht ein Mann in der Wache. Es gab einen neuen Anschlag auf einer anderen Weide.«

Der Tatort befand sich in Sichtweite der ersten Weide. Am Rande des Felsenmeers hatte ein Schäfer das Stück einer Wiese mit einem mobilen Elektrozaun abgeteilt und darauf seine Schafherde platziert. Jedes einzelne Tier, Mutterschafe und auch Lämmer lag tot im feuchten Gras.
»Der Schäfer ist bereits informiert.«, sagte Schmidt knapp. Es dauert aber wohl noch eine halbe Stunde, bis er hier sein kann.«
Die Kommissarin nickte. »Dann schauen wir uns in der Zeit schon mal allein um.«
Sie zogen sich Gummihandschuhe über und gingen systematisch die Wiese entlang. Der Altkommissar Zimmermann begnügte sich lediglich damit, seinen Kaffee zu trinken und den Blick über den Tatort schweifen zu lassen. Schnell entdeckte er etwas, dass einen wertvollen Hinweis liefern konnte.
»Wie wäre es mit der Kamera da drüben?«
Lena-Marie folgte seinem wegweisenden Finger. »Das ist eine Wildkamera. Die muss ein Förster oder Jäger hier angebracht haben. Schmidt, benachrichtigen sie die Kollegen im Revier. Sie sollen nachforschen, wer das Ding hier angebracht hat, damit wir schnellstens an die Aufzeichnungen kommen.«
Zimmermann seufzte und verdrehte die Augen. »Wie lange soll das denn dauern? Ich bin mir sicher, dass das auch schneller geht.«
Er ging zur Kamera, sah sich kurz um, konnte aber sonst keine neugierigen Augen entdecken.
»Schaut mal eben weg.«
Er trat kräftig mit dem Fuß gegen die Kamera. Das Gehäuse brach auf.
»Wir sind von der Kripo. Wir können nicht einfach fremden Besitz zerstören.«, ermahnte Schmidt.
»Wieso wir? Ich gehöre nicht mehr zur Kripo.«,fragte Zimmermann zurück. »Außerdem war die doch schon kaputt. Müssen irgendwelche Vandalen gewesen sein.«
Er fummelte im Innern der Kamera herum und förderte eine Speicherkarte zu Tage.
»Hier! Schieben sie die mal in ihr Handy, Schmidt.«
Das war Schmidt zwar nicht recht, da diese Aufnahmen nicht durch einen richterlichen Beschluss beschafft worden waren, aber gegen den alten Kommissar konnte man sich einfach nicht durchsetzen.«
Gemeinsam betrachteten die Ermittler das Handydisplay. Immer wieder waren Tiere darauf zu sehen. Neben den Schafen lief ein paar mal ein Fuchs durchs Bild, einmal eine Katze. Irgendwann kam ein Mensch, offensichtlich ein Mann ins Bild. Dieser sprang über den Elektrozaun, blieb mit dem Fuß dran hängen und fiel zu Boden. Dann rappelte er sich wieder auf und begann seine schreckliche Tat.
»Verdammt.«, fluchte Kommissarin Szymański. Der Freak hat sein Gesicht unter einer Skimaske versteckt. Das bringt uns nichts.«
»Das Video vielleicht nicht.«
Zimmermann wies auf die Stelle, an der der Täter gestürzt war.
»Aber vielleicht finden wir dort etwas. Ein paar Fasern seiner Kleidung, oder er hat etwas bei seinem Sturz verloren.«
Sie sahen sich im Bereich des Zauns um. Dort waren eindeutige Spuren zu sehen. Im Matsch des Nachtregens hatten sich die Profile von Schuhen abgezeichnet. Die Spur wurde an der Stelle unterbrochen, an der der Täter gestürzt war. Dahinter setzten sie sich fort.
»Für gewöhnlich würde ich befürchten, dass die Fußabdrücke jedem gehören könnten, aber der Sturz macht das Ganze sicherer.«
Sie verständigten die Spurensicherung, um Gipsabdrücke anfertigen zu lassen.

Zurück im Büro saßen sie gemeinsam um die Gipsabdrücke herum. Weiterhin lief das Video der Wildkamera in Dauerschleife. Um die Beweise nutzbar zu machen, hatten sie inzwischen einen richterlichen Beschluss bekommen.
»Sieht aus wie Sport- oder Laufschuhe.«, folgerte Szymański. Zumindest hab ich Kollege Fiedler dazu befragt. Der ist so fit, dass er regelmäßig bei Marathonveranstaltungen mitmacht. Er hat meine Vermutung bestätigt und stellt bereits Nachforschungen an, um die Modelle festzustellen. Darauf warten wir noch.«
Zimmermann, der immer wieder zum Video sah, fiel noch ein weiteres Indiz auf.
»Der Typ muss eine Leggings oder eine enge Laufhose getragen haben. Man sieht keinerlei Falten im Stoff. Aber die Jacke, die er trägt, hat dafür umso mehr davon. Das macht sie einzigartig. Finden wir die Jacke, finden wir auch den Täter.«
Schmidt nickte. »Dann müssen wir uns nur noch überall in der Stadt verteilen und jede Jacke abchecken. Nichts einfacher als das.«
»Also eine Aufgabe der Unmöglichkeit.«, zweifelte Lena-Marie.
»Ach komm schon, Kindchen. Wirf nicht gleich die Flinte ins Korn.«
Zimmermann nahm er einen Schluck Kaffee zu sich.
»Der Tiermörder ist ein Sportler, wahrscheinlich ein Läufer. Er wird auch die Tatorte gut kennen. Wir werden mit ein paar Kollegen in Zivil ein paar Laufstrecken überwachen. Wir müssen nur wissen, wo sich die meisten Läufer in der Umgebung aufhalten, dann finden wir auch unseren Mann.«

Es war dunkel, die Zeit schon voran geschritten. Niemand trieb sich in der Nähe des alten Truppenübungsplatzes herum. Der Parkplatz lag still da.
Doch irgendwann wurde die Dunkelheit von Schein einer kleinen Taschenlampe durchbrochen. Jemand näherte sich dem neuen Info-Center am Straßenrand.
Flüsternde Stimme drangen durch die Stille. Waren das drei junge Mädchen? Ein paar Teenager?
Sie blieben unter einer der Laternen stehen und nestelten an ihren Rucksäcken herum.
»Das muss jetzt aber endlich mal funktionieren.«, sagte eine von ihnen. »Im Video auf YouTube hat das auch geklappt.«
Sie hielten einen kleinen grauen Kasten an den Laternenpfahl und drückten immer wieder auf den einzigen Knopf, der sich auf dem Deckel des Kastens befand. Dabei leuchtete immer wieder eine rote LED auf.
»Verdammt!«, ärgerte sich die Stimme. »Das funktioniert wieder nicht. Das kann doch gar nicht sein. Ich hab so viel Geld für diesen Schrott bezahlt.«
In diesem Moment schälte sich eine zweite Person aus einem Schatten am Rand des Parkplatzes. Es schien sich um einen alten, unrasierten Mann mit schäbigem, abgetragenen Trenchcoat zu handeln, der einen dampfenden Becher Kaffee in der Hand hielt.
»Was soll das werden?«, raunte er die Mädchen an, die erschrocken zuckten.
»Äh … Wir … also … naja.«
Ängstlich stotterten sie vor sich hin, bekamen kaum ein richtiges Wort heraus.
»Wir wollen die Laternen mit einem EMP-Schock abschalten. Es ist so unnötig, dass sie die ganze Nacht brennen und dabei Energie verbrauchen. Das ist schlecht für die Umwelt.«
Der Mann schüttelte den Kopf und seufzte. »EMP-Schock. Ihr habt wohl zu viel schlechte Filme gesehen. In meiner Jugend hat man das noch anders gemacht.«
Er bedeutete den Mädchen, einen Schritt zur Seite zu machen. Dann hob er sein Bein und trat einmal kräftig gegen den Laternenpfahl. Das Licht über ihnen erlosch.
»So geht das. Dafür braucht es kein teures Gerät. Und jetzt geht nach Hause. Es ist schon spät. Man weiß nie, wer sich um diese Zeit hier herumtreibt.«
Die Mädchen nickten und gingen zurück nach Deilinghofen. Mit einem Lächeln stellte der Mann fest, dass nach und nach die Laternen ihren Dienst quittierten.
»Geht doch. Die Jugend ist auf einem guten Weg.«
Er zog sich in den Schatten zurück und nahm einen großen Schluck aus seinem Kaffeebecher.

Die Nacht wurde lang, kalt und feucht. Immer wieder nieselte es und es zogen Nebelschwaden auf. Nur selten fuhr jemand die Straße entlang. Erst kurz vor dem Morgengrauen tat sich wieder etwas.
Aus Richtung Deilinghofen näherte sich ein kleines, wackelndes Licht. Es befand sich auf dem Fußweg neben der Straße. Es kam langsam näher. Irgendwann wurde auch schweres Atmen hörbar.
»Das könnte unser Mann sein.«, raunte die Stimme des alten Mannes, der noch immer an seinem Platz im Schatten ausharrte.
Er holte einen zerknitterten Ausdruck aus seiner Manteltasche, faltete ihn auseinander und starrte darauf. Ein nicht näher zu identifizierender Mann in enger Laufhose und einer weiten Jacke war darauf zu sehen.
Unter dem Licht zeichneten sich nun erste Konturen ab. Es war ein Mann, der den Weg entlang lief. Auf der Kuppe der Deilinghofenstraße angekommen bog er ab und steuerte auf die Joggingstrecke ab.
»Das ist er! Das ist der Täter!«
Der stille Beobachter zog sein Handy aus der Tasche und tippte hastig eine Nachricht ein, die nur Sekunden später in der hemeraner Kripo eintraf.
»Jetzt beeilt nur. Ich weiß nicht, wie lange ich den Typen im Auge behalten kann. Ich bin auch nicht mehr der Jüngste.«
Kommissar Zimmermann, der mal wieder den richtigen Riecher besessen hatte, streifte seinen Mantel ab und legte ihn seufzend auf den Boden.
»Machs gut, Kumpel. Ich hoffe, wir sehen uns wieder.«
Dann atmete einmal tief durch und begann mit etwas, das er seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr getan hatte. Er lief.
»Verdammte Scheiße!«, entfuhr ihm ein Fluch. »Warum hab ich keine ordentlichen Sportschuhe.«
Die Person, die Zimmermann verfolgte, blieb nach wenigen hundert Metern vor dem Zaun einer Weide stehen, auf dessen anderer Seite ein paar Wildpferde standen.
»Gepriesen seien Jesus und Maria!«, keuchte der alte Kommissar, verlangsamte seinen Lauf und zog sich hinter einem Busch zurück.
Von dort aus sah Zimmermann, wie der andere seinen kleinen Rucksack vom Rücken nahm und ein Messer daraus hervor holte.
»Zugriff! Zugriff!«, aber da war niemand, der auf seine Anweisung hätte reagieren können.
»Lass das Messer fallen!«, rief der Kommissar schließlich.
Der überraschte Läufer ließ tatsächlich das Messer fallen. Er verfiel in Hektik, stolperte über die Wiese und fiel der Länge nach hin. Dann stand er wieder auf, versuchte über den Zaun zu klettern und blieb mit seiner Laufhose daran hängen.
»Tut verdammt weh so ein Draht.«, lachte Zimmermann. »Vor allem wenn Strom drauf ist.«
»Was steht dieses Viehzeug auch hier rum. Jedes Mal erschrecke ich mich in der Dunkelheit, wenn so eine blöde Kuh angestürmt kommt.«
Zimmermann schüttelte nur den Kopf. Verrückter Sportfreak. Er selbst würde nie wieder so einen Sprint hinlegen.
»Sie sind festgenommen.«

(c) 2019, Marco Wittler

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