Die Liebe ihres Lebens

Die Liebe ihres Lebens

Wie so oft in den letzten drei Jahrzehnten, saß Elisabeth am Fenster ihres Gemachs und sah nach draußen auf die große Kreuzung.
In den dreißig Jahren hatte sich so Vieles verändert. Die Droschken, die einst das Stadtbild füllten, wichen immer mehr diesen modernen Automobilen, die die ganze Luft verpesteten. Berlin war im Wandel begriffen. Aber ob dieser Wandel gut war, wagte Elisabeth zu bezweifeln.
Sie wandte sich ab, setzte sich vor ihren Spiegel und betrachtete sich darin. Wie immer fiel ihr Blick als erstes auf den großen Anhänger, den sie an einer Perlenkette um den Hals trug.
»Ach, mein geliebter Wilhelm. Wie sehr ich dich doch vermisse. In all den Jahren warst du stets an meiner Seite, aber nie wirklich bei mir. Ich verfluche den Tod dafür, dass er uns so plötzlich und unerwartet für immer getrennt hat.«
Eine Träne lief ihre Wange herab, setzte ihren Weg am schmalen Hals fort und verschwand unter dem Anhänger, in dem das Konterfei Wilhelms zu erkennen war.
Schick sah er aus. Seine Uniform und die Pickelhaube, die seit einiger Zeit nicht mehr getragen wurde, hatten ihn zu einem stattlichen Mann gemacht. Wäre nur diese tödliche Lungenentzündung nicht dazwischen gekommen, er hätte es in Armee bestimmt zu General geschafft.
Elisabeth war es müde, immer wieder über das hätte-wäre-wenn nachzudenken. Die Geschichte und das Schicksal ließen sich nicht mehr verändern.
»Du trauerst immer noch, richtig?«, hörte sie eine Stimme hinter sich.
Es war Helene. Es war immer Helene. Wer auch sonst?
»Du kennst mich einfach zu gut.«, antwortete Elisabeth schuldbewusst.
»Du musst endlich mal loslassen. Es wird Zeit, ihn gehen zu lassen. Meinst du nicht auch, dass dreißig Jahre mehr als genug Zeit sind, sich an eine Liebe zu klammern, die sich nicht mehr erfüllen wird?«
Elisabeth seufzte leise, atmete tief durch. Helene hatte so recht. Aber trotzdem war es alles andere als einfach, endlich diesen einen Schlussstrich zu ziehen.
»Lass ihn endlich gehen.«, wurde Helenes Stimme drängender. »Lass ihn los und finde deinen Frieden.«
Es war schwer, so unendlich schwer. Nun rannen immer mehr Tränen Elisabeths Wangen herab. Die schluchzte. Aber es musste sein. Sie hatte es von Anfang an gewusst, es nur hinaus gezögert.
Langsam nahm sie die Kette vom Hals, hob sie über den Kopf hinweg, küsste ein letztes Mal Wilhelms schönes Konterfei und legte ihre große Liebe vorsichtig auf den Tisch vor dem Spiegel.
»Lebe wohl, mein Liebster, mein Ein und Alles. Ich werde dich für immer lieben und niemals vergessen.«
Elisabeth stand auf, sah Helene flehend an, die nur den Kopf schüttelte.
»Komm mit mir.«, sagte diese. »Es ist so weit.«
Elisabeth drehte sich ein letztes Mal zu Wilhelm um, hauchte ihm einen Kuss zu. Dann nahm sie Helenes Hand.
Sie würde gehen, Abschied nehmen, Wilhelm freigeben.
Die beiden Frauen verblassten langsam, wurden durchsichtig, verschwanden. Sie hinterließen ein leeres Zimmer, in dem seit dreißig Jahren kein Mensch mehr gelebt hatte.
Im diesem Moment kam Bewegung in Elisabeths Anhänger. Er zuckte, zuerst ein wenig, dann immer wilder. Er fiel zu Boden, zerbrach. Rauch stieg aus ihm auf, gewann Konturen, formte sich zu einem Menschen, einem Mann in schicker Uniform mit Pickelhaube.
Wilhelm war wieder frei. Nach dreißig Jahren hatte Elisabeth in aus seinem Gefängnis entlassen, dass sie mit ihrer verzweifelten Liebe um ihn herum gebaut hatte.

(c) 2020, Marco Wittler

Image by Gerhard G. from Pixabay
Diese Geschichte wurde inspiriert durch den Tweet und das Bild von AH!NICO

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