Zimmermann ermittelt (40) – Der große Abschied

Der große Abschied

Ich bin müde. Ich bin so unsagbar müde. Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr weiter machen will – nicht weiter machen kann. Das Leben, wie ich es bisher gekannt habe, wie ich es seit Jahrzehnten nicht anders kannte – es ist zu viel für mich geworden. Ich habe – und das nicht zum ersten Mal – das Gefühl, dass ich nicht mehr dazu gehöre, dass ich mich verabschieden muss. Es ist Zeit zu gehen.

Kommissar Zimmermann schleppte sich mit einem grimmigen Gesicht ins Büro. Er war eine geschlagene Stunde zu spät dran. Seine Kollegen Inspektor Schmidt und die neue Kommissarin Lena-Marie Szymański saßen schon lange hinter ihren Schreibtischen und kümmerten sich um den von allen ungeliebten Schreibkram, der schon seit einiger Zeit hätte erledigt sein müssen.
»Mensch, Chef. Wird aber auch mal Zeit, dass du auftauchst. Der Kaffee ist mittlerweile kalt.«
Lena-Marie, die eh gerade neben der Kaffeemaschine stand, goss den letzten Rest des Gebräus weg und kümmerte sich um Nachschub.
»Du sollst mich nicht immer Chef nennen. Ich bin dein Vater.«
Lena-Marie stöhnte genervt. »Du klingst schon wie Darth Vader. Außerdem bist du nunmal der Chef in unserem unschlagbaren Team.«
Sie schenkte ihm ein kurzes Augenklimpern. »Kaffee ist gleich so weit. Dann bringe ich deine Maschine im Kopf schon wieder auf Touren.«
»Ist nicht nötig, Kleines. Hab mir einen Becher von Zuhause mitgebracht.«
»Du sollst mich nicht immer Kleines nennen. Ich bin zwar nicht die Größte, aber du musst es nicht immer wieder betonen. Das ist sowas von unnötig. Außerdem finde ich es frech, dass du deine alte Kaffeemaschine meiner vorziehst, obwohl du immer sagst, dass mein Kaffee der Bessere ist.«
»Ähm, also Leute …«, versuchte Inspektor Schmidt zwischen die beiden Kommissare zu kommen, da er nur zu gut wusste, wie schnell Vater und Tochter sich wegen dieser Kleinigkeiten hochschaukeln konnten, auch wenn sie sich sehr schätzten.
»Ist doch nicht nötig, sich schon so früh am Morgen in die Haare zu geraten. Außerdem geht es doch nur um Kaffee. Das ist kein Weltuntergang.«
Den Bruchteil einer Sekunde wusste der Inspektor, dass er etwas Falsches gesagt hatte und duckte sich hinter seinem Schreibtisch.
»SCHMIDT!«, kam es aus zwei entsetzten Mündern.
In diesem Moment klingelte das Telefon und lockte Schmidt notgedrungen wieder nach oben, damit er den Anruf entgegen nehmen konnte. Während er zuhörte, kramte er nach Notizblock und Stift und schrieb alles Wichtige mit. Dann legte er auf.
»Es gibt Arbeit für uns. Im Hemer Bach, direkt vor der Bücherei wurde eine Leiche gefunden. Das sind auch so ziemlich die einzigen Angaben, die uns die Kollegen von der Streife machen konnten. Der oder die Tote wurde auf eine seltsame Art und Weise im Bachbett begraben.«
Lena-Marie runzelte die Stirn. »Das ist alles? Gibt es nicht mehr? Wie sollen wir uns denn auf den Fall vorbereiten?«
»Die Jungs meinten, wir sollten es uns selbst anschauen. Wir würden es sonst nicht glauben.«
Sie seufzte. »Also gut. Dann machen wir uns mal auf den Weg. Wer will einen Kaffee für unterwegs?«
Zimmermann, an den die Frage gerichtet war, setzte sich hinter seinen Schreibtisch und schüttelte den Kopf.
»Ich wünsche euch beiden viel Spaß. Ich bleibe hier. Ich habe in den letzten Jahren genug Mordfälle hier in der Stadt gelöst. Irgendwann muss damit auch mal Schluss sein.«
Seine zwei Kollegen sahen ihn verwirrt an. Sie konnten oder wollten ihn nicht verstehen.
»Was soll das heißen, Chef?«
»Soll heißen, dass ich in Zukunft nicht mehr dein Chef sein werde. Vielleicht nennst du mich dann endlich mal Vater.«
Schmidt bekam kein Wort heraus. Lena-Marie schluckte schwer.
»Aber du kannst uns doch hier nicht allein lassen. Wir sind auf dich und deinen Spürsinn angewiesen. Wir brauchen dich.« Sie war den Tränen nah. »Ich brauche dich.«, setzte sie kleinlaut hinterher.
»Es ist aber schon zu spät. Ich habe meinen Rücktritt heute Morgen eingereicht. Ich werde zum Monatsende meinen Schreibtisch räumen und dann in den gemütlichen Ruhestand entschwinden. Ich hab es mir mehr als redlich verdient.«
Monatsende. Lena-Marie sah zum Kalender. Das war bereits in fünf Tagen. Nicht viel Zeit, den alten Mann umzustimmen.
»Da reden wir noch drüber, Chef. Dazu ist noch nicht das letzte Wort gesprochen.«
Sie riss ihre Lederjacke von der Garderobe, stürmte nach draußen und knallte die Tür hinter sich zu. Ein paar Atemzüge später kam sie jedoch wieder zurück.
»Schmidt! Los jetzt! Wir haben zu tun.« Dann war sie wieder verschwunden.
Zimmermann grinste. »Sie ist hier bald der Chef. Anscheinend hat sie sich mit der Rolle schon abgefunden. Also los, nicht dass sie noch Ärger bekommen.«
Schmidt nickte nur und machte sich schnell auf den Weg.

Der Dienstwagen des Ermittlerteams war nach wenigen Minuten in der Fußgängerzone angekommen. Schaulustige und Gaffer hatten sich mittlerweile zu beiden Ufern des trockenen Baches eingefunden und konnten nur schwer von den Streifenbeamten in Zaum gehalten werden.
»Das waren bestimmt Merkels Gäste.«, tönte es von der einen Seite. »Unser Land geht den Bach runter, wenn das so weiter geht. Wir holen uns den Tod ins Land.«, von der anderen.
»Das liebe ich so an meiner Arbeit.«, grollte Szymański. »Umringt von Publikum, das alles besser weiß. Wie soll man sich denn da konzentrieren?«
Sie kletterten an einer Leiter hinab und besahen sich den Tatort.
»Die Leiche liegt in Kreuzstellung mit abgespreizten Armen und ist komplett von unzähligen, aufgeklappten Büchern bedeckt. Da hat sich jemand sehr viel Arbeit gemacht.«, sprach sie die ersten Erkenntnisse in ihr Handy, um die Aufzeichnungen später auszuwerten.
»Wurden bereits Fotos gemacht?«
Schmidt nickte knapp. Lena zog sich Latexhandschuhe über und nahm einzelne Bücher zur Seite. Darunter kam das Gesicht eines älteren Mannes zum Vorschein.
»Dann machen wir uns mal an die Arbeit.«

Szymański saß vor einer langen Liste, die sie immer wieder las.

Der Besuch vom kleinen Tod
Der Tod, den man stirbt
Der Tod ist ein mühseliges Geschäft
Leiser Tod Schwindelfrei ist nur der Tod

Sämtliche Bücher, die der Mörder über der Leiche ausgebreitet hatte, trugen den ‚Tod‘ in ihren Titeln.
»Der Typ muss doch ziemlich krank gewesen sein in seinem Denken. Der muss eine Ewigkeit nach den passenden Büchern gesucht haben. Wenn uns das nur einen Hinweis auf ihn geben würde.«
Sie seufzte und legte ihrem Vater die Liste unter die Nase.
»Hey, Chef. Was meinst du dazu? Hast du irgendeinen Geistesblitz, der uns auf die richtige Spur bringt?«
Kommissar Zimmermann sah nur kurz auf den Zettel.
»Hm. Nee. Nicht wirklich. Ich glaube, ich bin auch nicht der richtige Mann dafür. Ihr seid das Ermittlerteam. Ihr solltet auch die Lösung finden.«
Lena-Marie bekam einen roten Kopf. Ihr Blick verfinsterte sich, bevor sie laut wurde.
»Verdammt nochmal. Was soll der Scheiß? Deine Pension hat noch nicht angefangen. Du bist immer noch Teil unseres Teams. Also gib dir mal etwas Mühe und hilf uns dabei, die Sache zu lösen.«
In ihrer Wut wischte sie die Kaffeetasse des Chefs vom Schreibtisch, die klirrend auf dem Boden zersprang. Der Kaffee spritzte in alle Richtungen davon.
Zimmermann sprang, nun ebenfalls von Wut gepackt, auf und blitzte seine Tochter böse an.
»Sag mal, spinnst du? Ich habe seit dreißig Jahren aus keiner anderen Tasse mehr getrunken, wenn ich im Büro bin. Wie kannst du es wagen …?«
Sie ließ ihn nicht ausreden.
»Ja, genau. Wie kannst du es wagen, uns im Stich zu lassen? Ich habe immer gedacht, dass dir unsere Arbeit wichtig ist, dass du viel Wert darauf legst, Verbrechern das Handwerk zu legen und damit die Unschuldigen zu beschützen. Aber wahrscheinlich habe ich mich darin nur geirrt. Du bist nicht besser als jeder andere Chef, dem seine Position zu Kopf gestiegen ist.«
Zimmermann kochte innerlich. Am liebsten hätte er nun auch etwas auf den Boden geworfen, aber sein Schreibtisch war leer. Also setzte er sich langsam, ohne seinen Blick von seiner Tochter abzuwenden.
»Du sollst mich nicht immer Chef nennen. Ich bin dein Vater. Merk dir das endlich.«
»Dann zeig mir auch, dass du es wirklich bist und lass mich nicht im Stich. Ich brauche dich dabei.«
Sie blickten sich weiter an. Keiner von ihnen wollte nachgeben. Eine, fünf, zehn Sekunden. Dann nickte der alte Kommissar langsam.
»Du hast Recht. Ich benehme mich wie ein Arschloch. Tut mir leid. Ich werde euch helfen. Aber es wird der letzte Fall sein. Danach quittiere ich endgültig den Dienst.«
Lena-Marie grinste. »Das ist alles, was ich wollte.«
Sie machte eine lange Pause, in der sie tief durchatmete. »Danke … Papa.«
Im Hintergrund grinste Schmidt.
»Also gut.« Zimmermann ging die Liste durch und glich sie mit den Fotos vom Tatort ab.
»Spontan habe ich mehrere Vermutungen. War es ein Bibliothekar oder eine Bibliothekarin? Irgendwoher müssen die Bücher stammen. In dem Fall wäre das Opfer jemand, der seine Leihzeit überschritten hat oder ein Lesemuffel ist.
Aber die Bücher sind nicht aus der Bücherei. Es fehlen die üblichen Aufkleber auf den Buchrücken. Vielleicht war es aber auch ganz anders.
Das Opfer ist ein Büchernarr und hat jemanden mit seiner Leidenschaft genervt und musste deshalb sterben. Möglichkeiten gibt es viele.
Mir fehlen die Zeugenaussagen. Was habt ihr da schon?«
»Leider noch nicht viel. Wir warten noch darauf, dass Freunde und Verwandte zum Gespräch aufs Revier kommen. Die ersten haben ihre Termine für heute Nachmittag.«
»Zeugen?«
»Keine. Es ließ sich bisher niemand ausfindig machen, der etwas gesehen haben will. Wir haben sogar schon einen Aufruf in den sozialen Medien gestartet. Aber bis jetzt nur sinnlose Kommentare von ein paar Witzbolden.«
Zimmermann nickte. »Dann warte ich eure Gespräche ab und sehe mir in der Zeit den Fundort der Leiche an. Vielleicht fällt mir noch etwas auf, dass ihr übersehen habt.«

Kommissar Zimmermann saß in seinem Wohnzimmer vor seinem neuen Laptop und sah durch die neuesten E-Mails. »Warum hab ich mich nur darauf eingelassen? Was soll ich überhaupt mit diesem neumodischen Schnick-Schnack? Ich komme schon im Büro kaum damit klar.«
Er dachte daran zurück, wie seine Tochter mit einem großen Karton vor der Tür stand und ihn in der Zukunft willkommen hieß.
»Zukunft. Pah! Wenn mir Schmidt was im Internet sucht, geht das viel schneller. Für mich ist das ein Rückschritt.«
Zimmermann stutzte. Er hatte eine E-Mail von sich selbst bekommen.
»Wie geht denn das?« Er klickte darauf und las sich den Text durch.

Hallo. Ich bin Mitglied einer internationalen Hackergruppe. Ich habe vor einem halben Jahr ihre E-Mail Adresse gehackt und verfüge nun über ihr Passwort (sehen sie daran, dass ich von ihrer Adresse aus schreibe), über alle ihre Kontakte im Adressbuch, Facebook und alle anderen Social Media Konten.
Bei Recherchen in ihrem Rechner ist mir aufgefallen, dass sie auf Erwachsenenseiten unterwegs waren. Ich habe dabei Filmaufnahmen von ihnen gemacht.
Überweisen sie innerhalb von 48 Stunden 300 €uro in m ein Bitcoin Wallet. Danach werde ich die Videobeweise löschen. Zahlen sie nicht, verschicke ich die Videos an alle ihre Freunde und Kontakte.

Zimmermann stutzte ein weiteres Mal. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals die erwähnten Seiten besucht zu haben. Und der Laptop vor seiner Nase war gerade mal zwei Wochen alt. Was sollte also dieser Mist? Er schnappte sich sein Telefon und rief in der Kripo an. Kollege Bauer kannte sich mit Internetkriminalität aus. Vielleicht konnte er mit dieser Mail etwas anfangen.
Nach ein paar Stunden gab es einen Rückruf.
»Ich hab das was. Jetzt bist du mir was schuldig.«
Zimmermann grunzte zufrieden.
»Das hört sich gut an. Aber warum bin ich dir was schuldig?«
»Weil ich mich für dich ganz schön weit aus dem Fenster gelehnt habe. Ich konnte aus deiner E-Mail die IP-Adresse des Absenders extrahieren. Du bist nicht gehackt worden. Es wird dir nur vorgegaukelt, dass jemand deine Passwörter kennt. Dafür gibt es entsprechende Programme, mit denen man den Absender willkürlich verändern kann.
Ich hab mal meine Kontakte spielen lassen. Ich kenne da von anderen Ermittlungen mittlerweile einige Leute bei den Internetanbietern. Und einer davon hat mir einen Namen und eine Adresse verraten. Das hätte eigentlich ein Richter absegnen müssen.«
»Schon gut. Wir regeln das später.«

Nach ein paar Stunden Fahrt stand der Kommissar vor einer Haustür in Bayern. Er hatte noch überlegt, ob er einen hiesigen Kollegen ins Vertrauen ziehen und damit Unterstützung anfordern sollte, hatte sich am Ende aber dagegen entschieden. Wie sollte er erklären, dass er auf dunklen Wegen seine Informationen bekommen hatte. Außerdem hatte er außerhalb von Nordrhein-Westfalen eigentlich keinerlei Befugnisse.
Er klingelte. Nach ein paar Sekunden wurden Schritte hörbar. Ein junger Mann öffnete die Tür.
»Ja?«
»Sind sie Maik Bender?«
»Wer will das wissen?«
Zimmermann hob seinen Ausweis hoch, verdeckte dabei aber das Hoheitszeichen von NRW.
»Scheiße!«
Bender drehte um und rannte die Kellertreppe hinab. Zimmermann ließ sich nicht lange bitten und lief ihm nach.
»Stehen bleiben. Da unten können sie mir eh nicht entkommen.«
Zur Sicherheit zog er allerdings noch seine Dienstwaffe. Man konnte nie wissen, was einem in dunklen Räumen erwartete.
»Sie können mir nichts beweisen. Dafür werde ich schon sorgen.«
Zimmermann sah vorsichtig durch einen Türrahmen. Der Verdächtige hielt drohend einen Gegenstand in der Hand. Es war … ein Kasten mit einem Knopf.
»Ach, Jungchen. Was soll denn das? Ist das ein Taschenrechner und du tust so, als wäre hier eine Bombe versteckt?«
Bender grinste.
»Bombe? Wer braucht schon eine Bombe? Wenn ich hier drauf drücke, rauchen alle meine Festplatten ab. Dann haben sie nichts mehr gegen mich in der Hand. So sieht es aus.«
Zimmermann dachte kurz nach. »Drück den Knopf, dann durchlöcher ich dir den Kopf. Ich hab nichts zu verlieren. Und du?«
Er kam Schritt für Schritt näher. Bender begann zu zittern. Dann übergab er schließlich den Kasten und sackte ohnmächtig in sich zusammen. Zimmermann seufzte erleichtert.
»Diese Computerkids haben echt keinen Mumm in den Knochen. Weicheier.«
Er fesselte den jungen Mann an einen Heizkörper und benachrichtigte die Polizei anschließend über dessen Mail Account. Sollten sich die Kollegen darum kümmern. Erst dann sah er sich in Ruhe um. Etwas fiel ihm ins Auge. Bücher. Viele Bücher. Sie trugen den Tod im Titel. Zimmermann lächelte.
»Zwei Fälle an einem Tag. Ich bin wohl doch noch nicht so eingerostet.

»Ich habe die Lösung!«, stürmte Zimmermann ins Büro. »Ich habe den Fall gelöst.«
Die anderen Mitglieder seines Teams sahen ihn sprachlos an.
»Ihr wisst schon. Den Fall. Die Sache mit der Leiche und den Büchern.«
Lena-Marie runzelte die Stirn. »Du fährst einfach weg, ohne zu sagen, wo du bist und was du machst.«
»Ich war in Bayern. Ich hab so einem Internetfreak, der unbescholtene Leute erpresst, das Handwerk gelegt. Ich hatte halt grad ein wenig Zeit über.«
»Und dabei hast du den Fall gelöst?«
Zimmermann grinste breit.
»Jaaa. Irgendwie schon. Ich bin halt noch gut in Schuss und weiß, wie es läuft.«
Er holte sich eine Tasse Kaffee, setzte sich an seinen Schreibtisch und legte die Füße hoch. Dass dabei ein paar angestaubte Akten zu Boden fielen, störte ihn nicht weiter. Dann begann er zu erzählen, was er bei seinem Ausflug unternommen hatte.
»Und was hat das jetzt mit unserem aktuellen Mordfall zu tun?«, fragte Inspektor Schmidt.
»Ich habe im Computerraum dieses verpickelten, blassen Nerds etwas gesehen, dass mir die Augen geöffnet hat. Und dazu fahren wir jetzt in die Stadt und suchen eine Buchhandlung auf.«
Mehr ließ sich der alte Kommissar nicht aus der Nase ziehen.

In der Fußgängerzone betraten die drei Ermittler eine Buchhandlung. Sie sahen sich um und standen schließlich vor Büchern aus der Region. Zimmermann grinste seine Kollegen an.
»Und?«, fragte er. »Habt ihr es jetzt auch?«
Lena-Marie sah sich verwirrt um.
»Was willst du uns jetzt sagen? Ist der Buchhändler der Täter oder eine seiner Angestellten? Wo ist jetzt dein toller Hinweis, dem du gefolgt bist?«
Zimmermann verdrehte die Augen. »Seid ihr echt so blind?«
Er griff sich zwei Bücher und drückte sie seinen Kollegen in die Hände. »Buchstabenmord«, las er den Titel vor.
»Von Miroslav Stegner. Autor hier aus Hemer. Seht euch das Cover an. Ein Exemplar hatte der Nerd in seinem Besitz. Das fiel mir sofort ins Auge.«
Auf dem Umschlag des Buches lag ein Haufen Bücher. Alle trugen den Tod in ihrem Titel. Sie lagen in Kreuzstellung. Nur eine blutige Hand war von dem Toten zu sehen.
»Die Ähnlichkeit zu unserem Tatort ist sehr verblüffend.«, stellte Schmidt fest. »Aber wer ist der Täter? Ein Leser?«
Zimmermann schüttelte den Kopf und verwies auf ein Schild, auf dem die neue Nummer 1 der Bestseller Liste angepriesen wurde.
»Gibt es eine bessere Werbung für einen Regionalkrimi als einen echten Mordfall? Wir sollten Herrn Stegner mal einen Besuch abstatten.«

Es verging nicht mal eine halbe Stunde, da standen sie bereits vor dem Haus des erfolgreichen Autors. Zimmermann grinste, als er die Türklingel drückte. Doch dann wurde er wieder ernst. Sein Blick verfinsterte sich. Er wollte diesen letzten Fall mit aller Härte beenden.
Die Tür öffnete sich. Miroslav Stegner trat überrascht heraus.
»Sie sind also doch noch auf mich gekommen, hm?«
Zimmermann nickte.
»Die Frage ist nur: warum?«
Stegner zuckte mit den Schultern.
»Werbung. Einfach Werbung. Und ich war neugierig, ob der perfekte Mord so funktioniert, wie ich ihn in meinem Buch beschrieben habe. Ich war wohl zu optimistisch.«
Er streckte die Arme aus. »Sie können mich mitnehmen. Ich werde mich nicht wehren.«
Schmidt schüttelte bestürzt den Kopf und ließ die Handschellen klicken. Dann zog er den Mörder hinter sich her.
»Kommen sie mit. Ihr Platz im Knast wird schon angewärmt.«
Stegner grinste plötzlich. »Hey, ja, genau. Das ist doch die Idee. Mein nächster Roman wird im Gefängnis stattfinden. Jetzt bekomme ich einen exklusiven Einblick und werde ihn auch dort schreiben. Das wird ein noch größerer Erfolg.«
Kommissar Zimmermann wurde wütend. Sein Gesicht lief rot an. »Halten mich bloß fest, sonst poliere ich diesem Arschloch die vorlaute Fresse.«
Lena-Marie grinste. »Hey, es ist dein letzter Fall. Also tu dir keinen Zwang an. Ich muss mir eh grad die Schnürsenkel neu binden. Ich sehe vielleicht grad nicht hin.«
Zimmermann dachte kurz nach. »Nein. Das ist er nicht wert. Ich gehe mit Würde und Anstand in Pension.«

(c) 2018, Marco Wittler

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*